Careworking Buchkritiken
Carearbeit und Klassengesellschaft
Oliver Nachtwey / Nicole Mayer-Ahuja ("Verkannte LeistungsträgerInnen") zeigen, dass körperliche, soziale Arbeit entwertet wird – obwohl sie systemrelevant ist.
Andreas Reckwitz ("Gesellschaft der Singularitäten") hingegen analysiert, wie kulturelle Einzigartigkeit zur neuen sozialen Währung wird – etwa durch kuratierte Biografien, kreative Arbeit, urbane Lebensstile. Gemeinsam ist den AutorInnen
die Diagnose einer neuen Ungleichheit, aber sie fokussieren auf unterschiedliche Klassen: unten vs. oben.
Verglichen mit
Klaus Dörre ("Die demobilisierte Klassengesellschaft") sehen die Herausgeber
Nachtwey / Mayer-Ahuja die Klassengesellschaft als zurückgekehrt, aber Dörre betont stärker die politische Entmachtung der unteren Klassen.
Dörre spricht von einer "demobilisierten Klassengesellschaft", in der Gewerkschaften und kollektive Interessenvertretung geschwächt sind.
Nachtwey / Mayer-Ahuja zeigen das
alltägliche Leiden und die strukturelle Unsichtbarkeit, Dörre analysiert die politische Konsequenz. Richard Sennett ("Der flexible Mensch") beschreibt die psychosozialen Folgen der Flexibilisierung: Verlust von Stabilität, Identität, Bindung.
Nachtwey / Mayer-Ahuja zeigen, wie diese Flexibilisierung konkret aussieht: Werkverträge, Subunternehmer, Schichtarbeit.
Sennett ist kulturkritisch, Nachtwey / Mayer-Ahuja empirisch und strukturell.

Verkannte Leistungsträger:innen
Das Buch der Herausgeber Oliver Nachtwey und Nicole Mayer-Ahuja untersucht, wer in Deutschland tatsächlich systemrelevant ist – und warum diese Menschen trotz ihrer Bedeutung prekär leben, schlecht bezahlt werden und kaum gesellschaftliche Anerkennung erhalten.
Die Corona-Pandemie dient als Brennglas, das bestehende Klassenverhältnisse sichtbar macht. Das Werk ist ein Sammelband mit Reportagen, Interviews und Analysen aus verschiedenen Arbeitsbereichen wie Pflege, Lebensmittelversorgung, Reinigung, Mobilität / Transport, Paketlogistik, Fleischindustrie und Landwirtschaft.
Die Herausgeber verbinden empirische Fallstudien mit soziologischer Theorie (bzw. einen marxistischen Ansatz). Dadurch entsteht ein sehr konkretes Bild der Lebens- und Arbeitsrealitäten.
Zentrale Thesen
These 1: Systemrelevante Arbeit ist strukturell entwertet
Während der Pandemie wurden diese Berufsgruppen beklatscht, aber materiell hat sich kaum etwas verbessert. Die Anerkennung bleibt symbolisch, nicht materiell.
These 2: Die Klassengesellschaft ist zurück – oder war nie weg
Es wird gezeigt, dass Deutschland weiterhin klar in Klassen strukturiert ist:
oben: Wissensarbeit, Homeoffice, Sicherheit
unten: körperliche Arbeit, Präsenzpflicht, Infektionsrisiko, geringe Löhne
These 3: Prekarisierung ist kein Randphänomen
Viele der porträtierten Beschäftigten arbeiten unter Bedingungen, die man früher als „Randgruppenprobleme“ bezeichnet hätte: MIt Befristungen, Werkverträgen, in Subunternehmerketten unter extremer Arbeitsverdichtung und geringer gewerkschaftlicher Organisierung
These 4: Migration und Klasse sind eng verwoben
Besonders in der Fleischindustrie, Logistik und Pflege
sind MigrantInnen überrepräsentiert. Das Buch zeigt, wie ethnische Segmentierung und
Klassenverhältnisse
sich gegenseitig verstärken
Stärken in Nachtwey/Mayer-Ahuja
Die Verbindung von Mikro- und Makroebene
Das Buch zeigt individuelle Geschichten, strukturelle Ursachen und politische Konsequenzen. Bestechend ist die politische Klarheit. Die AutorInnen argumentieren, dass Anerkennung ohne materielle Verbesserung wertlos ist. Das ist eine klare und empirisch gut belegte Position. Nachtwey und Mayer-Ahuja operieren mit einer enormen Materialfülle (über 560 Seiten). Authentizität der Betroffenen ist markant im Buch durch die gewählten Formate. Die Klassenverhältnisse werden klar analysiert. Die Corona-Pandemie als Brennglas zeigt die hohe Aktualität der Analyse.
Fazit
Ein wichtiges, dichtes, empirisch starkes Buch, das die Klassengesellschaft in Deutschland sichtbar macht – nicht abstrakt, sondern durch die Stimmen derjenigen, die sie tragen.
Es ist ein Werk, das politisch wirkt, ohne platt zu agitieren. Das Buch ist ein Schlüsseltext für das Verständnis der post-pandemischen Arbeitswelt, beispielsweise warum Pflegekräfte kündigen, warum Logistik und Lieferdienste boomen, aber prekär bleiben, warum soziale Ungleichheit trotz Wohlstand wächst, warum Gewerkschaften in neuen Sektoren kaum Fuß fassen.
Es zeigt, dass die LeistungsträgerInnen der Gesellschaft nicht die Manager sind, sondern jene, die körperlich und sozial die Infrastruktur des Alltags sichern.
