Careworking in der Spätmoderne
Carearbeit in der Spätmoderne
Nach dem fordistischen Industriezeitalter entsteht eine Gesellschaft, in der Wissen, Kommunikation und Dienstleistungen die zentrale Produktivkraft sind.
Dienstleistungen wachsen – aber nicht alle gleich
- Hochqualifizierte Wissensarbeit (IT, Forschung, Beratung) wächst.
- Gleichzeitig wächst niedrig entlohnte, körperlich-emotionale Dienstleistungsarbeit (Pflege, Logistik, Reinigung, Gastronomie).
- Die Industrie schrumpft relativ, aber bleibt produktivitätsstark und zentral.
Wir bekommen also keine reine Wissensgesellschaft, sondern eine polarisiert strukturierte Dienstleistungsgesellschaft.

Wissen wird zur Produktivkraft – aber nicht für alle
Die "Wissensgesellschaft" ist ein Klassenprojekt:
- Für die oberen Schichten bedeutet sie Autonomie, Kreativität, Selbstverwirklichung.
- Für die unteren und mittleren Dienstleistungsklassen bedeutet sie Standardisierung, Kontrolle, Prekarisierung.
Postfordismus heißt Flexibilisierung – nicht Befreiung
Schichtarbeit bleibt.
Arbeitsintensität steigt.
Verantwortung wird individualisiert.
Tarifbindung sinkt.
Digitalisierung erzeugt neue Abhängigkeiten.
Pflege in dieser Klassengesellschaft
Pflegefachkräfte nehmen eine hoch widersprüchliche Klassenposition ein. Und genau diese Widersprüchlichkeit macht die Pflege so politisch brisant.
Pflegefachkräfte gehören zur lohnabhängigen Dienstleistungsklasse, verfügen nicht über PM und sie sind abhängig von Lohnarbeit. Das ist klassisch Arbeiterklasse – aber im Dienstleistungssektor.
Gleichzeitig leisten sie hochqualifizierte Wissensarbeit
Pflege ist:
- komplex
- verantwortungsvoll
- wissensintensiv
- technisch und kommunikativ anspruchsvoll
Das unterscheidet sie klar von "einfachen Dienstleistungen".
Pflege ist
professionelle Wissensarbeit, aber ohne die gesellschaftliche Anerkennung, die andere Wissensberufe bekommen.
Pflege ist systematisch unterbewertet
Pflege zählt zur gesellschaftlichen Reproduktionsarbeit.
Historisch wird diese Arbeit:
- feminisiert
- moralisiert ("Berufung")
- unterbezahlt
- emotional ausgebeutet
Das ist kein Zufall, sondern strukturell. Pflegefachkräfte stehen an der Schnittstelle von Staat, Markt und Care. Das macht ihre Klassenposition einzigartig:
Der Staat reguliert und finanziert.
Der Markt drückt Löhne und Personal.
Die Gesellschaft erwartet Fürsorge und moralische Hingabe.
Pflegekräfte sind damit eine Schlüsselgruppe der spätmodernen Klassengesellschaft – aber ohne die Machtressourcen, die ihrer Bedeutung entsprechen. Pflegefachkräfte sind eine qualifizierte, feminisierte, systemrelevante Dienstleistungsfraktion der Arbeiterklasse – mit wachsender strategischer Bedeutung. Warum wachsender strategischer Bedeutung?
Sie sind unverzichtbar. Sie sind kollektiv organisiert (oder könnten es sein). Sie erleben die Widersprüche des Systems unmittelbar. Sie sind zahlenmäßig stark.
Sie arbeiten an einem gesellschaftlichen Nervpunkt: Gesundheit, Leben, Würde. In vielen Ländern gelten Pflegekräfte bereits als "Schlüsselklasse der Reproduktionskrise" – ähnlich wie Industriearbeiter im Fordismus.
