Die Rückkehr des Autoritären – Macht, Wahrheit und die neue Rechte
Ein Essay zum 100. Geburtstag von Michel Foucault

Am 15. Oktober 2026 wäre Michel Foucault hundert Jahre alt geworden. Der französische Philosoph, Historiker der Denksysteme und Analytiker moderner Machtverhältnisse starb 1984, lange bevor Donald Trump die amerikanische Politik veränderte, der französische Front National unter dem Namen Rassemblement National zu einer zentralen politischen Kraft wurde, Giorgia Meloni die italienische Regierung übernahm oder die AfD die politische Landschaft der Bundesrepublik nachhaltig veränderte.
Was hätte Foucault zu diesen Entwicklungen gesagt?
Die Frage ist ebenso reizvoll wie methodisch problematisch. Wer einen verstorbenen Philosophen zum Kommentator gegenwärtiger Politik macht, läuft Gefahr, ihm die eigenen Überzeugungen in den Mund zu legen. Foucault hinterließ weder eine ausgearbeitete Theorie des heutigen Rechtspopulismus noch eine politische Handlungsanweisung für den Umgang mit Parteien wie der AfD. Seine Positionen waren widersprüchlicher, historisch beweglicher und intellektuell unbequemer, als es eine nachträgliche Vereinnahmung erlauben würde.
Dennoch bietet sein Werk einen außerordentlich produktiven Zugang zu den politischen Umbrüchen der Gegenwart. Seine Untersuchungen über Disziplinierung, Biopolitik, Gouvernementalität, Rassismus, Subjektivierung und die Produktion gesellschaftlicher Wahrheiten ermöglichen es, hinter die sichtbaren Konflikte um Migration, nationale Identität, kulturelle Zugehörigkeit und staatliche Autorität zu blicken.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Foucault Donald Trump, Marine Le Pen, Giorgia Meloni oder Alice Weidel zugestimmt oder widersprochen hätte. Interessanter ist, welche Machtmechanismen er in den politischen Bewegungen erkannt hätte, die sich auf Volk, Nation, Souveränität und die Wiederherstellung einer vermeintlich verlorenen Ordnung berufen.
Und noch grundsätzlicher: Warum gewinnen politische Versprechen an Attraktivität, die Sicherheit durch Abgrenzung, Identität durch Ausschluss und gesellschaftliche Ordnung durch die Wiederherstellung hierarchischer Verhältnisse in Aussicht stellen?
1. Foucault und das Missverständnis der Macht
Eine foucaultsche Untersuchung der neuen Rechten müsste mit einer Korrektur beginnen: Macht ist nicht einfach das, was ein Präsident, eine Regierung, ein Parlament oder eine Partei besitzt.
In Überwachen und Strafen (1975) und Der Wille zum Wissen (1976) entwickelte Foucault ein Verständnis von Macht, das sich von der klassischen Vorstellung staatlicher Herrschaft unterscheidet. Macht wirkt nicht ausschließlich durch Verbote, Gesetze und Gewalt. Sie durchzieht Institutionen, wissenschaftliche Diskurse, soziale Beziehungen und alltägliche Praktiken. Sie produziert Kategorien, Verhaltensnormen und gesellschaftliche Wirklichkeiten.
Macht ist in diesem Sinne nicht nur repressiv, sondern produktiv.
Diese Überlegung verändert die Perspektive auf autoritäre und rechtspopulistische Bewegungen erheblich. Statt ausschließlich zu fragen, wie eine politische Partei staatliche Macht gewinnen will, wäre zu untersuchen, welche gesellschaftlichen Vorstellungen bereits vorhanden sein müssen, damit ihre Sprache überhaupt überzeugend wirken kann.
Wenn eine Bewegung verspricht, das eigene Land zurückzuholen, setzt dieses Versprechen eine bestimmte Vorstellung voraus: dass ein ursprünglich legitimer Zustand existiert habe, dass dieser Zustand durch fremde Kräfte zerstört worden sei und dass eine politische Rückkehr möglich sei.
Die Vergangenheit wird damit nicht bloß erinnert. Sie wird politisch hergestellt.
Für Foucault wäre diese Konstruktion besonders interessant gewesen. Denn seine genealogische Methode zielte gerade darauf, scheinbar natürliche, selbstverständliche oder historisch notwendige Ordnungen als Ergebnisse kontingenter Macht- und Wissensverhältnisse sichtbar zu machen.
Was als Wiederherstellung der Normalität erscheint, könnte sich bei genauerer Betrachtung als politisches Projekt zur Neudefinition von Normalität erweisen.
Die zentrale genealogische Frage wäre daher: Wer bestimmt, was als normal gilt, wer als zugehörig anerkannt wird und welche Lebensweisen als Abweichung erscheinen?
2. Die Sehnsucht nach Souveränität: Trump und die politische Wiederkehr des starken Herrschers
Donald Trumps MAGA-Bewegung lässt sich aus foucaultscher Perspektive als ein politisches Projekt untersuchen, das eine Krise gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten in die Sprache nationaler Wiederherstellung übersetzt.
Das Versprechen, Amerika wieder groß zu machen, enthält eine historische Erzählung über Verlust, Niedergang und Wiedergeburt. Es verbindet unterschiedliche Erfahrungen: ökonomische Unsicherheit, kulturelle Entfremdung, Misstrauen gegenüber politischen Institutionen, Konflikte um Einwanderung und den Wunsch nach nationaler Handlungsfähigkeit.
Eine ernsthafte Analyse darf diese Erfahrungen nicht pauschal als irrational abtun. Die soziale Wirklichkeit, aus der politische Unzufriedenheit entsteht, ist von der politischen Deutung dieser Unzufriedenheit zu unterscheiden.
Hier könnte Foucaults Begriff der Gouvernementalität aufschlussreich sein.
In seinen Vorlesungen Sicherheit, Territorium, Bevölkerung (1977/78) und Die Geburt der Biopolitik (1978/79) untersuchte er, wie moderne Gesellschaften regiert werden, ohne dass Regierung ausschließlich auf unmittelbaren Zwang angewiesen wäre. Menschen werden auch durch ökonomische Anreize, Sicherheitsversprechen, gesellschaftliche Normen und die Formung ihrer Selbstverhältnisse geführt.
Der moderne Mensch soll sich als verantwortliches, konkurrenzfähiges und unternehmerisches Subjekt begreifen. Foucault analysierte insbesondere, wie der amerikanische Neoliberalismus den Menschen als Träger von Humankapital konzipiert.
Aus dieser Perspektive entsteht eine bemerkenswerte Spannung: Während neoliberale Gesellschaften dem Einzelnen immer größere Verantwortung für seinen wirtschaftlichen Erfolg zuschreiben, können ökonomische Strukturveränderungen die tatsächlichen Möglichkeiten individueller Selbstbestimmung begrenzen.
Die daraus entstehende Verunsicherung muss nicht zwangsläufig zu autoritären politischen Orientierungen führen. Sie kann jedoch politisch in ein Narrativ überführt werden, in dem nicht mehr wirtschaftliche Institutionen und strukturelle Machtverhältnisse, sondern kulturelle Gegner, politische Eliten oder Migranten als Ursache des gesellschaftlichen Verlustes erscheinen.
MAGA verbindet auf diese Weise unterschiedliche politische Rationalitäten: die Verteidigung marktwirtschaftlicher Freiheit, die Betonung nationalstaatlicher Souveränität, kulturellen Traditionalismus und Forderungen nach verstärkter Kontrolle bestimmter Bevölkerungsgruppen.
Ein foucaultscher Blick würde gerade diese Kombination untersuchen. Denn ökonomischer Liberalismus und autoritäre Formen gesellschaftlicher Regulierung schließen einander keineswegs grundsätzlich aus.
Auch die Vorstellung, Trump sei schlicht eine Rückkehr zur vormodernen Souveränität, wäre zu einfach. Foucault unterschied zwar die ältere souveräne Macht von modernen Disziplinar- und Sicherheitsmechanismen, verstand diese Formen jedoch nicht als vollständig aufeinanderfolgende Epochen.
Sie können sich überlagern.
Eine Regierung kann individuelle wirtschaftliche Freiheit betonen, gleichzeitig die Grenzüberwachung intensivieren, administrative Kontrollinstrumente ausweiten und traditionelle Familiennormen politisch aufwerten.
Die entscheidende Frage wäre deshalb nicht allein, wie viel Macht Trump persönlich ausübt. Sie beträfe die institutionellen, ökonomischen und kulturellen Mechanismen, durch die seine Politik gesellschaftlich wirksam wird.
Foucault hätte vermutlich weniger nach dem vermeintlich außergewöhnlichen Charakter eines einzelnen Präsidenten gefragt als nach den historischen Bedingungen, unter denen ein bestimmter Führungsanspruch Zustimmung erzeugt.
3. Frankreich: Vom Front National zum Rassemblement National – die Normalisierung des Politischen
Der französische Fall besitzt eine besondere historische Ironie. Foucault erlebte noch die Gründung des Front National im Jahr 1972 unter Jean-Marie Le Pen. Die spätere Transformation dieser Partei unter Marine Le Pen und ihre Umbenennung in Rassemblement National im Jahr 2018 konnte er nicht mehr verfolgen.
Gerade dieser Prozess wäre für seine Theorie der Normalisierung von Interesse gewesen.
Normalisierung bezeichnet bei Foucault nicht lediglich die gesellschaftliche Akzeptanz zuvor abgelehnter Vorstellungen. Sie beschreibt die Macht von Verfahren, durch die überhaupt erst festgelegt wird, welche Verhaltensweisen, Identitäten und Lebensformen als normal, akzeptabel oder abweichend gelten.
Übertragen auf die französische Politik wäre daher nicht nur zu untersuchen, wie sich die öffentliche Wahrnehmung des Rassemblement National verändert hat. Ebenso wichtig wäre die Frage, ob und wie sich die politische Sprache anderer Parteien, journalistische Problemdefinitionen und institutionelle Praktiken im Verlauf dieses Prozesses verändert haben.
Die Normalisierung einer politischen Position kann auf unterschiedlichen Wegen stattfinden. Eine Partei kann ihre Sprache mäßigen und ihre Programmatik verändern. Ebenso können sich gesellschaftliche Maßstäbe verschieben, sodass früher randständige Positionen zunehmend als gewöhnlicher Bestandteil des politischen Wettbewerbs gelten.
Beide Vorgänge sind empirisch auseinanderzuhalten.
Ein foucaultscher Ansatz würde deshalb nicht einfach behaupten, Frankreich sei nach rechts gerückt. Er würde untersuchen, welche Themen zu zentralen politischen Problemen erklärt werden, welche Begriffe sich durchsetzen und welche alternativen Problemdeutungen an Sichtbarkeit verlieren.
Besonders aufschlussreich wäre die politische Bedeutung der laïcité, des französischen Laizismus.
Die Trennung von Staat und Religion ist ein historisch gewachsenes republikanisches Prinzip. Sie kann als Schutz individueller Gewissensfreiheit verstanden werden. In politischen Auseinandersetzungen über muslimische Religionsausübung kann sie zugleich als Instrument zur Definition kultureller Zugehörigkeit verwendet werden.
Foucault hätte vermutlich gefragt, unter welchen Bedingungen ein universell formuliertes Prinzip in konkrete Verfahren der Unterscheidung zwischen akzeptierten und problematisierten Lebensweisen übergeht.
Dabei wäre keineswegs jede Verteidigung des Laizismus bereits als Ausgrenzung zu interpretieren. Entscheidend sind die konkreten Praktiken, ihre Anwendung und ihre unterschiedlichen Auswirkungen.
Die genealogische Untersuchung interessiert sich nicht allein für die erklärten Absichten einer Norm, sondern für ihre tatsächliche Funktionsweise.
4. Italien: Der historische Faschismus und die Grenzen politischer Analogien
Italien stellt die foucaultsche Analyse vor eine andere Herausforderung. Die Partei Fratelli d’Italia, deren Vorsitzende Giorgia Meloni seit 2022 die Regierung führt, besitzt organisatorische und symbolische Verbindungen zur postfaschistischen Parteiengeschichte Italiens.
Diese historischen Kontinuitäten sind wissenschaftlich untersucht. Zugleich zeigen neuere vergleichende Studien, dass zwischen personellen, symbolischen und programmatischen Kontinuitäten unterschieden werden muss. Nicht jede historische Verbindung bedeutet die unveränderte Übernahme einer früheren Ideologie.
Die begriffliche Präzision ist hier entscheidend.
Der historische Faschismus Mussolinis war durch eine Einparteienherrschaft, die systematische Zerstörung politischer Opposition, staatliche Gewalt, imperialistische Expansion und die Aufhebung liberal-demokratischer Freiheitsrechte gekennzeichnet.
Das heutige Italien ist dagegen ein parlamentarisches Mehrparteiensystem mit Wahlen, Opposition, Verfassungsgerichtsbarkeit und europäischen Rechtsbindungen. Wer beide politischen Ordnungen unmittelbar gleichsetzt, verwischt grundlegende Unterschiede.
Eine foucaultsche Untersuchung müsste daher auf die einfache Formel verzichten, der Faschismus sei unverändert zurückgekehrt.
Stattdessen wäre zu fragen, welche Elemente historischer autoritärer Denkweisen unter veränderten institutionellen Bedingungen neu artikuliert werden können.
Dazu gehören Vorstellungen von nationaler Homogenität, die politische Aufwertung traditioneller Familienmodelle, die Verbindung gesellschaftlicher Sicherheit mit Grenzkontrolle und die symbolische Inszenierung nationaler Geschlossenheit.
Foucaults Perspektive ermöglicht hier eine wichtige Unterscheidung zwischen Ideologie und Regierungspraxis.
Eine Regierung kann rhetorisch radikal auftreten und in bestimmten Politikfeldern institutionelle Kontinuität bewahren. Umgekehrt können technisch oder administrativ formulierte Reformen erhebliche Veränderungen politischer Machtverhältnisse bewirken, ohne ausdrücklich autoritär begründet zu werden.
Gerade deshalb wäre nicht allein Melonis politische Rhetorik zu analysieren, sondern ebenso die konkrete Veränderung staatlicher Verfahren, die Stellung unabhängiger Institutionen und die rechtliche Behandlung gesellschaftlicher Minderheiten.
Die aktuelle Auseinandersetzung über Italiens Wahlrechtsreform im Oktober 2026 illustriert, wie stark Fragen institutioneller Machtverteilung im Zentrum solcher Untersuchungen stehen können. Regierung und Opposition bewerten die Auswirkungen der Reform unterschiedlich.
Der foucaultsche Erkenntnisgewinn besteht somit nicht in einer vorschnellen historischen Gleichsetzung, sondern in der Untersuchung möglicher Kontinuitäten und Transformationen autoritärer Regierungsweisen.
5. Deutschland: Die AfD, die deutsche Geschichte und die Konstruktion des nationalen Wir
Im vereinigten Deutschland erhält die Frage nach Nationalismus und politischer Zugehörigkeit eine besondere historische Dimension.
Die AfD entstand 2013 zunächst als eurokritische Partei und entwickelte sich im Verlauf ihrer Geschichte zu einer Partei, deren politische Ausrichtung in der Forschung unter anderem als rechtspopulistisch, völkisch-nationalistisch und rechtsextremistisch eingeordnet wird. Die rechtliche und nachrichtendienstliche Bewertung ist dabei von der politikwissenschaftlichen Klassifikation zu unterscheiden.
Im Februar 2026 untersagte das Verwaltungsgericht Köln dem Bundesamt für Verfassungsschutz vorläufig, die Bundespartei bis zur erstinstanzlichen Hauptsacheentscheidung als gesichert rechtsextremistische Bestrebung zu behandeln. Zugleich sah das Gericht einen starken Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen. Mehrere Landesverbände werden von ihren jeweiligen Verfassungsschutzbehörden weiterhin als gesichert beziehungsweise erwiesen rechtsextremistisch eingestuft.
Für eine foucaultsche Analyse wäre diese juristische Differenzierung nicht nebensächlich. Denn auch staatliche Klassifikationen sind Formen institutioneller Wissensproduktion, die bestimmten gesetzlichen Maßstäben, Beweisverfahren und gerichtlicher Kontrolle unterliegen.
Eine kritische Untersuchung müsste daher sowohl die politischen Aussagen und Praktiken der AfD als auch die Verfahren ihrer staatlichen Bewertung präzise analysieren, ohne beides gleichzusetzen.
Im Zentrum stünde allerdings eine noch grundlegendere Frage: Wie wird in einem demokratischen Nationalstaat definiert, wer zum politischen Gemeinwesen gehört?
Der Begriff des Volkes besitzt im demokratischen Verfassungsstaat eine rechtliche Bedeutung. Die Staatsbürger bilden den demokratischen Souverän. In ethnonationalistischen Deutungen kann Volk dagegen als kulturell oder abstammungsmäßig definierte Gemeinschaft verstanden werden.
Zwischen beiden Vorstellungen besteht ein grundlegender Unterschied.
Wenn politische Zugehörigkeit zunehmend an Herkunft, kulturelle Anpassung oder eine bestimmte Vorstellung nationaler Identität geknüpft wird, verschiebt sich der Maßstab gesellschaftlicher Anerkennung.
Foucaults Begriff der Subjektivierung hilft zu verstehen, dass Menschen nicht einfach mit einer fertigen Identität in politische Verhältnisse eintreten. Sie werden durch gesellschaftliche Institutionen, Diskurse und Klassifikationen auch zu bestimmten Subjekten gemacht.
Ein Mensch kann rechtlich deutscher Staatsbürger sein und dennoch in politischen oder alltäglichen Diskursen als jemand behandelt werden, dessen Zugehörigkeit erklärungsbedürftig bleibt.
Hier wäre zu untersuchen, wie Kategorien wie Herkunft, Integration, kulturelle Identität und nationale Loyalität verwendet werden und welche unterschiedlichen Wirkungen sie entfalten.
Das bedeutet nicht, dass jede Diskussion über Migration, Integration oder nationale Kultur autoritär wäre. Demokratische Gesellschaften müssen über Einwanderung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Voraussetzungen politischer Mitgliedschaft streiten können.
Entscheidend ist vielmehr, ob politische Konflikte innerhalb eines Rahmens gleicher staatsbürgerlicher Rechte ausgetragen werden oder ob bestimmten Gruppen ihre grundsätzliche Zugehörigkeit abgesprochen wird.
Die besondere Rolle Ostdeutschlands
Für eine Analyse der AfD wäre darüber hinaus die Geschichte der deutschen Vereinigung unverzichtbar.
Die Transformation nach 1990 veränderte in Ostdeutschland nicht nur Eigentumsverhältnisse, Arbeitsmärkte und Institutionen. Sie berührte auch gesellschaftliche Anerkennung, biografische Kontinuität und das Verhältnis zwischen Bürgern und staatlicher Autorität.
Eine foucaultsche Genealogie würde fragen, welche neuen Subjektpositionen durch diese Transformation entstanden: der erfolgreiche Anpassungsfähige, der ökonomisch Überflüssige, der Modernisierungsverlierer, der vermeintlich rückständige Ostdeutsche.
Solche Kategorien sind keine neutralen Beschreibungen. Sie können gesellschaftliche Erfahrungen ordnen und politische Selbstwahrnehmungen prägen.
Allerdings wäre es empirisch falsch, den Zuspruch zur AfD in Ostdeutschland ausschließlich auf die Transformationsgeschichte zurückzuführen. Politische Einstellungen entstehen aus dem Zusammenwirken wirtschaftlicher, kultureller, regionaler, institutioneller und individueller Faktoren.
Foucault hätte möglicherweise gerade davor gewarnt, Millionen Menschen auf eine einzige psychologische oder sozialhistorische Ursache zu reduzieren.
Seine Methode fordert, die Vielfalt lokaler Machtverhältnisse ernst zu nehmen.
Die Frage wäre also nicht, weshalb Ostdeutsche angeblich besonders empfänglich für Autoritarismus seien. Sie lautete vielmehr, wie unterschiedliche historische Erfahrungen, politische Diskurse und gegenwärtige Institutionen spezifische Formen politischer Identifikation ermöglichen.
6. Biopolitik und Rassismus: Wer gehört zum Leben der Nation?
Eine der analytisch bedeutsamsten Verbindungen zwischen Foucaults Werk und gegenwärtigen nationalistischen Bewegungen findet sich in seinen Vorlesungen von 1975/1976, die unter dem Titel In Verteidigung der Gesellschaft veröffentlicht wurden.
Dort entwickelte Foucault seine Theorie des Staatsrassismus.
Seine Überlegung setzt bei einem historischen Wandel der Macht an. Während die klassische Souveränität wesentlich über das Recht verfügte, Leben zu nehmen oder zu verschonen, richtet sich moderne Biopolitik auf die Verwaltung, Förderung und Optimierung des Lebens von Bevölkerungen.
Moderne Staaten organisieren Gesundheit, Geburten, Sterblichkeit, Sicherheit, Wohlfahrt und demografische Entwicklungen.
Doch diese Orientierung am Leben enthält ein Paradox.
Wie kann eine Macht, deren erklärtes Ziel die Förderung des Lebens ist, zugleich Ausgrenzung, Gewalt und die Preisgabe bestimmter Bevölkerungsgruppen legitimieren?
Foucaults Antwort lautet, dass Rassismus eine Trennung innerhalb des gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs ermöglicht. Die Bevölkerung erscheint nicht länger als einheitliches Ganzes, sondern wird in Gruppen unterteilt, deren Existenz unterschiedlich bewertet wird.
Die behauptete Gefährdung der einen Gruppe durch die andere kann dann dazu dienen, ungleiche Behandlung oder Gewalt als notwendige Verteidigung des eigenen Lebens zu rechtfertigen.
Dabei analysierte Foucault insbesondere den biologischen Rassismus moderner Staaten und dessen Radikalisierung im Nationalsozialismus. Seine Theorie darf deshalb nicht unbesehen auf jede gegenwärtige migrationspolitische Position übertragen werden.
Sie ermöglicht jedoch die Untersuchung politischer Argumentationsmuster, in denen die Sicherheit, Gesundheit oder kulturelle Fortexistenz einer Bevölkerung durch die Abwertung anderer Gruppen begründet wird.
In der gegenwärtigen Politik lassen sich solche Fragen anhand unterschiedlicher Diskurse untersuchen: etwa bei Vorstellungen einer demografischen Bedrohung, bei der Verbindung von Migration und gesellschaftlichem Niedergang oder bei der Behauptung, nationale Identität müsse gegen äußere Einflüsse geschützt werden.
Nicht jede dieser Positionen ist mit biologischem Rassismus identisch. Gerade die Unterschiede zwischen ethnischen, kulturellen, religiösen und staatsbürgerlichen Definitionen von Zugehörigkeit müssen sorgfältig herausgearbeitet werden.
Foucaults Theorie bietet hier kein fertiges Urteil über einzelne Parteien. Sie liefert vielmehr eine Methode, um zu untersuchen, wie gesellschaftliche Unterscheidungen in politische Hierarchien überführt werden.
7. Wahrheit, Gegenwahrheit und die Macht digitaler Öffentlichkeiten
Eine zeitgenössische Weiterentwicklung von Foucaults Denken müsste sich besonders intensiv mit digitalen Medien beschäftigen.
Foucault starb vor der Entstehung sozialer Netzwerke, algorithmischer Empfehlungssysteme und der heutigen Plattformökonomie. Seine Analysen von Wissen und Macht lassen sich deshalb nicht unmittelbar als Theorie des Internets lesen.
Sein Begriff des Wahrheitsregimes bietet jedoch einen Ausgangspunkt.
Für Foucault ist Wahrheit nicht einfach eine Erfindung der Mächtigen. Vielmehr untersucht er die gesellschaftlichen Verfahren, Institutionen und Autoritäten, durch die Aussagen als wahr anerkannt, geprüft, verbreitet und mit bestimmten Folgen versehen werden.
Die Frage lautet nicht, ob objektive Tatsachen existieren. Sie lautet, unter welchen Bedingungen bestimmte Aussagen gesellschaftlich als glaubwürdig gelten.
Diese Unterscheidung ist für die Analyse gegenwärtiger politischer Kommunikation entscheidend.
Politische Bewegungen können traditionelle Institutionen der Wissensproduktion – Wissenschaft, Journalismus, Verwaltung oder Justiz – kritisieren und zugleich eigene Autoritätsstrukturen entwickeln.
Das ist nicht per se illegitim. Wissenschaftliche Erkenntnisse und institutionelle Entscheidungen müssen kritisierbar bleiben.
Problematisch für eine gemeinsame demokratische Öffentlichkeit wird es jedoch, wenn die Kriterien zur Überprüfung von Aussagen selbst entlang politischer Gruppenzugehörigkeiten aufgespalten werden.
Dann entscheidet unter Umständen nicht mehr die Qualität einer Begründung, sondern die Identifikation mit ihrem Urheber darüber, ob eine Aussage als glaubwürdig erscheint.
Aus foucaultscher Sicht wäre deshalb zu untersuchen, wie digitale Plattformen Aufmerksamkeit verteilen, welche Aussagen algorithmisch verstärkt werden und wie politische Gemeinschaften durch wiederholte Kommunikationspraktiken entstehen.
Dabei sollte man Foucault nicht nachträglich zu einem Theoretiker der Algorithmen erklären. Seine Begriffe bedürfen der Ergänzung durch empirische Medienforschung und Plattformanalysen.
Sein bleibender Beitrag liegt in der Erkenntnis, dass der Kampf um politische Macht immer auch ein Kampf um die gesellschaftlichen Bedingungen der Wahrheitsproduktion ist.
8. Warum wünschen Menschen sich Autorität? Foucault und die Verführung durch Macht
Hier liegt möglicherweise der philosophisch anspruchsvollste Teil der Ausgangsfrage.
Die Analyse autoritärer Bewegungen bleibt unvollständig, solange sie ausschließlich auf Manipulation, Propaganda oder ökonomische Interessen verweist.
Denn Menschen können politische Machtverhältnisse auch aktiv bejahen.
Foucault formulierte diesen Gedanken besonders eindringlich in seinem Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Anti-Ödipus (1977).
Er beschäftigte sich dort nicht nur mit dem historischen Faschismus Hitlers und Mussolinis, sondern auch mit der Möglichkeit, dass Menschen in ihrem eigenen Denken und Verhalten eine Faszination für Herrschaft entwickeln.
Es geht um die irritierende Frage, warum Menschen Machtverhältnisse begehren können, die ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten einschränken.
Damit verschiebt sich die Analyse vom politischen System auf die alltäglichen Beziehungen zwischen Macht, Identität und Begehren.
Autoritäre politische Angebote können nicht nur durch Angst attraktiv werden. Sie können ebenso das Versprechen vermitteln, Teil einer bedeutungsvollen Gemeinschaft zu sein, gesellschaftliche Anerkennung zurückzugewinnen oder eine als unübersichtlich empfundene Welt wieder verständlich zu machen.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist dabei keineswegs selbst autoritär. Es gehört zu den grundlegenden Bedingungen menschlichen Zusammenlebens.
Die politische Frage entsteht dort, wo Zugehörigkeit an die Abwertung anderer gebunden wird.
Foucaults Überlegungen eröffnen somit eine Untersuchung der emotionalen und subjektiven Voraussetzungen politischer Herrschaft.
Allerdings ist Vorsicht geboten: Aus seinem Begriff des Begehrens lässt sich keine allgemeine psychologische Erklärung für Wähler rechtspopulistischer Parteien ableiten. Politische Unterstützung kann aus sehr unterschiedlichen Motiven entstehen, darunter programmatische Zustimmung, Protest, wirtschaftliche Interessen, institutionelles Misstrauen oder kulturelle Überzeugungen.
Eine wissenschaftlich tragfähige Analyse muss diese Motive empirisch unterscheiden.
Der philosophische Gewinn liegt in einer anderen Einsicht: Politische Macht funktioniert nicht allein dadurch, dass Menschen ihr gehorchen. Sie kann auch dadurch stabilisiert werden, dass Menschen sich mit ihren Symbolen, Versprechen und Identitätsangeboten verbinden.
9. Die Grenzen Foucaults: Warum seine Theorie keine vollständige Antwort liefert
Eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung muss auch die Grenzen des foucaultschen Ansatzes benennen.
Die erste Schwierigkeit betrifft seinen Machtbegriff.
Wenn Macht in nahezu allen gesellschaftlichen Beziehungen wirksam ist, stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien demokratische, autoritäre und totalitäre Herrschaftsformen voneinander unterschieden werden sollen.
Foucault liefert hierfür keine vollständig ausgearbeitete normative Demokratietheorie.
Seine Analysen erklären, wie Institutionen Menschen regieren und kategorisieren. Sie begründen jedoch nicht im selben Maße, weshalb Gewaltenteilung, unabhängige Gerichte, allgemeines Wahlrecht und individuelle Grundrechte gegenüber alternativen politischen Ordnungen vorzugswürdig sein sollen.
Für diese Fragestellung müsste Foucault durch andere Denktraditionen ergänzt werden, etwa durch Hannah Arendts Totalitarismusanalyse, Claude Leforts Demokratietheorie oder Jürgen Habermas’ Überlegungen zur deliberativen Öffentlichkeit.
Eine zweite Schwierigkeit betrifft die politische Ökonomie.
Foucault untersuchte neoliberale Regierungsrationalitäten auf bemerkenswert differenzierte Weise. Seine Arbeiten bieten jedoch keine umfassende Theorie kapitalistischer Krisen, sozialer Klassenverhältnisse oder wirtschaftlicher Ungleichheit.
Wer das Erstarken der radikalen Rechten erklären möchte, muss deshalb auch Arbeitsmärkte, Vermögensverteilung, regionale Ungleichheiten, Globalisierung und wohlfahrtsstaatliche Veränderungen berücksichtigen.
Hier können marxistische, weberianische und bourdieusche Ansätze wichtige Ergänzungen liefern.
Eine dritte Schwierigkeit betrifft Foucault selbst.
Seine Berichterstattung über die iranische Revolution von 1978/1979 gehört zu den umstrittensten Episoden seines politischen Denkens. Foucault interessierte sich für die revolutionäre Mobilisierung und das, was er als politische Spiritualität zu verstehen suchte.
Kritiker warfen ihm vor, die autoritären und geschlechterpolitischen Gefahren einer religiös geprägten Revolution nicht hinreichend erkannt zu haben. Andere Interpretationen betonen, dass er die iranische Bewegung gerade nicht als fertiges politisches Modell betrachtete, sondern als historisch ungewöhnliche Form kollektiven Widerstands. Die wissenschaftliche Debatte darüber ist bis heute nicht abgeschlossen.
Diese Kontroverse ist für die Gegenwartsfrage unmittelbar relevant.
Denn sie zeigt, dass die Faszination für Widerstand gegen bestehende Machtverhältnisse nicht automatisch eine angemessene Beurteilung jener Herrschaftsformen garantiert, die aus dem Widerstand entstehen können.
Auch eine Bewegung, die gegen etablierte Eliten rebelliert, kann selbst neue Hierarchien, Ausschlüsse und Unterwerfungsverhältnisse hervorbringen.
Gerade diese Möglichkeit müsste eine foucaultsche Analyse der neuen Rechten ebenso berücksichtigen wie die Machtpraktiken ihrer politischen Gegner.
Foucault darf daher nicht zum unfehlbaren Richter über die Gegenwart erhoben werden. Seine Theorie ist ein Instrument kritischer Untersuchung, kein Ersatz für historische Forschung, empirische Sozialwissenschaft oder normative politische Urteilsbildung.
10. Schluss: Was hätte Foucault heute gesehen?
Hundert Jahre nach Michel Foucaults Geburt stellt sich die Frage nach der Wiederkehr autoritärer Politik unter Bedingungen, die er selbst nicht mehr erleben konnte.
Die Vereinigten Staaten, Frankreich, Italien und Deutschland besitzen unterschiedliche politische Traditionen, institutionelle Strukturen und historische Erfahrungen. MAGA, Rassemblement National, Fratelli d’Italia und AfD lassen sich deshalb weder als identische Bewegungen noch als bloße Wiederholungen des historischen Faschismus verstehen.
Gleichwohl können sie vergleichend daraufhin untersucht werden, wie sie politische Zugehörigkeit definieren, nationale Souveränität interpretieren, gesellschaftliche Konflikte erklären und das Verhältnis zwischen Individuum und Staat gestalten.
Foucault hätte hierfür vermutlich keine einfache Theorie der autoritären Rückkehr angeboten.
Sein Denken legt vielmehr nahe, die Vorstellung einer linearen Geschichte zu hinterfragen, in der liberale Demokratie, gesellschaftliche Individualisierung und politische Freiheit zwangsläufig immer weiter voranschreiten.
Geschichte besitzt bei Foucault keine garantierte Richtung.
Fortschritt ist kein historisches Naturgesetz. Moderne Institutionen können Freiheiten ermöglichen und zugleich neue Kontrollmechanismen hervorbringen. Politische Bewegungen können sich auf Befreiung berufen und dennoch neue Formen der Unterordnung etablieren.
Die wichtigste Frage wäre daher möglicherweise nicht, warum autoritäre Ideen nach Jahrzehnten demokratischer Entwicklung wieder auftauchen.
Sie wäre vielmehr, weshalb wir angenommen haben, dass ihre historischen Voraussetzungen endgültig verschwunden seien.
Eine foucaultsche Genealogie würde zeigen, dass politische Ordnungen niemals allein durch ihre Verfassungen bestehen. Sie werden fortlaufend durch gesellschaftliche Praktiken, institutionelle Entscheidungen, Wissensordnungen und Formen der Selbstführung reproduziert und verändert.
Demokratie wäre aus dieser Perspektive nicht bloß eine Regierungsform, sondern auch ein historisch fragiles Gefüge gesellschaftlicher Beziehungen.
Die analytische Aufgabe bestünde darin, sichtbar zu machen, wann Sicherheit in Überwachung, Zugehörigkeit in Ausschluss, politische Führung in Unterordnung und gesellschaftliche Normalität in ein Instrument der Disziplinierung übergeht.
Dabei müsste dieselbe kritische Aufmerksamkeit gegenüber allen politischen Machtansprüchen gelten.
Foucaults Denken verlangt keine unkritische Verteidigung des Bestehenden. Ebenso wenig legitimiert es jeden Widerstand gegen etablierte Institutionen.
Es fordert, die konkreten Wirkungen von Macht zu untersuchen, die Selbstverständlichkeiten politischer Sprache zu hinterfragen und die historischen Bedingungen gesellschaftlicher Ordnung offenzulegen.
Vielleicht liegt darin seine besondere Aktualität.
Nicht in einer Antwort auf die Frage, welche Partei heute recht hat.
Sondern in der beharrlichen Untersuchung, wie politische Wahrheiten entstehen, wie Menschen zu bestimmten Formen des Gehorsams oder des Widerstands geführt werden und wie sich Herrschaft gerade dort etablieren kann, wo sie als Freiheit, Sicherheit oder Wiederherstellung einer verlorenen Ordnung erscheint.
Hundert Jahre nach seiner Geburt bleibt Foucaults intellektuelle Herausforderung deshalb bestehen: Nicht nur die Macht der anderen zu kritisieren, sondern auch jene Formen von Macht zu erkennen, die im eigenen Denken, in den eigenen Institutionen und in den eigenen Vorstellungen von Normalität wirksam sind.
Literatur:
Foucault, Michel (1975): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses.
Foucault, Michel (1976): Histoire de la sexualité I: Der Wille zum Wissen.
Foucault, Michel (1997): In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France 1975/76.
Foucault, Michel (2004): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Vorlesungen 1977/78
Foucault, Michel (2004): Die Geburt der Biopolitik. Vorlesungen 1978/79
Foucault, Michel (1977): Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Deleuze/Guattari, Anti-Oedipus. S. XI–XIV.
Foucault, Michel (1984): Was ist Aufklärung?
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