Die zerbrochene Weltordnung: 9/11 und die drei großen Erzählungen der Moderne



Huntington, Fukuyama und Said über Geschichte, Zivilisation und die Weltordnung von 2026

In diesem Essay soll es um das Ende der Geschichte gehen oder besser umschrieben, um drei große Erzählungen der Moderne, aufgeschrieben von Francis Fukuyama ("The End of History and the Last Man"), Samuel P. Huntington ("Clash of Civilisations") und Edward Said ("Orientalism").
Am Morgen des 11. September 2001 war der Himmel über Manhattan von beinahe provozierender Klarheit. Blau lag er zwischen den Hochhäusern, als hätte die Welt ihre großen Konflikte längst hinter sich gelassen. Vielleicht hätte
Francis Fukuyama diesen Himmel gemocht. Zwölf Jahre zuvor, nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks, hatte er eine kühne These formuliert: Die Menschheit sei möglicherweise am
"Ende der Geschichte" angekommen.
Nicht am Ende der Ereignisse. Menschen würden weiterhin lieben, kämpfen, wählen und sterben. Fukuyama meinte etwas Größeres: den jahrhundertelangen Streit darüber,
welche politische Ordnung der Menschheit überlegen sei. Faschismus und Kommunismus waren besiegt oder zusammengebrochen;
die liberale Demokratie schien übrig geblieben zu sein. Geschichte hatte, so schien es, einen Sieger gefunden.
Dann schlug um 8.46 Uhr ein Flugzeug in den Nordturm des World Trade Centers ein.
Für einen Augenblick wusste niemand, was geschehen war.
Dann kam das zweite Flugzeug.
Und mit ihm verschwand die Möglichkeit, an einen Unfall zu glauben.
Die Bilder gingen um die Welt: Feuer über Manhattan, Menschen auf den Straßen, Papier, das wie Schnee zwischen den Gebäuden herabfiel. Wenige Stunden später lagen die Türme in Trümmern.
Und plötzlich wirkte ein anderer Denker beinahe prophetisch.
Samuel Huntington hatte Fukuyamas Optimismus widersprochen. Die großen Konflikte der Zukunft, so seine These vom
"Clash of Civilizations", würden nicht mehr vor allem zwischen politischen Ideologien entstehen.
Nach dem Kalten Krieg würden kulturelle und religiöse Identitäten an Bedeutung gewinnen.
Nicht Kapitalismus gegen Kommunismus, sondern große Zivilisationsräume könnten einander gegenübertreten:
der Westen, die islamische Welt, die chinesische, orthodoxe und andere Zivilisationen.
Der 11. September schien seine Theorie in ein einziges schreckliches Bild zu verwandeln.
Islamistische Terroristen griffen Symbole amerikanischer Macht an. Washington sprach bald vom Krieg gegen den Terror. Die Vereinigten Staaten marschierten in
Afghanistan ein, später in den
Irak. Auf beiden Seiten gewannen Stimmen an Kraft, die von "dem Westen" und "dem Islam" sprachen, als seien Milliarden Menschen zwei geschlossene Heere. Huntington schien recht behalten zu haben.
Doch genau an dieser Stelle
hätte Edward Said widersprochen. Vielleicht hätte er auf die rauchenden Ruinen gesehen und gesagt: Seht genauer hin. Denn Said misstraute der Vorstellung,
die Welt lasse sich in feste Zivilisationen zerlegen. Für ihn waren
Begriffe wie "Westen" und "Orient" keine neutralen Beschreibungen. In seinem Werk
"Orientalism" hatte er gezeigt, wie der Westen über Jahrhunderte ein Bild des Orients geschaffen hatte:
fremd, irrational, gefährlich, rückständig – und damit zugleich ein Gegenbild seiner selbst.
Nach dem 11. September sah Said eine ähnliche Gefahr in Huntingtons Denken. Wenn man von einem "Kampf der Kulturen" spreche, beginne man leicht zu vergessen, dass Kulturen keine Mauern besitzen. Ein muslimischer Arzt in New York, eine christliche Familie in Beirut, eine säkulare Studentin in Teheran – zu welcher vermeintlich geschlossenen Zivilisation gehörten sie? Said hätte darauf bestanden,
dass Identitäten sich überschneiden. Menschen sind nicht bloß
Vertreter einer Religion oder Kultur. Sie sind
Bürger, Eltern, Arbeiter, Gläubige oder Nichtgläubige;
sie tragen Geschichten in sich, die keine Landkarte sauber voneinander trennen kann.
Damit wurde der 11. September zu mehr als einem Terroranschlag. Er wurde zu einem Prüfstein dreier Vorstellungen von Geschichte.
Fukuyama hatte gehofft, dass die großen ideologischen Kämpfe auslaufen und die liberale Demokratie zum politischen Horizont der Menschheit werden könnte.
Huntington warnte dagegen, dass
nach dem Ende der Ideologien ältere und tiefere Identitäten zurückkehren würden –
Religion, Kultur und Zivilisation.
Said wiederum warnte vor der Versuchung, genau
diese Identitäten zu Gefängnissen zu machen und
aus komplexen Menschen starre Blöcke zu formen. Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung des 11. September deshalb nicht darin, dass einer der drei endgültig recht hatte.
Fukuyama unterschätzte, wie wenig Geschichte bereit war, sich für beendet erklären zu lassen.
Huntington erkannte die politische Macht kultureller Identitäten, doch
seine großen Zivilisationsblöcke drohten jene Unterschiede zu verschlucken, aus denen wirkliche Gesellschaften bestehen. Said wiederum erinnerte daran, dass
die gefährlichste Grenze manchmal nicht auf einer Landkarte verläuft, sondern in der Sprache, mit der wir andere Menschen beschreiben.
Am Abend des 11. September war der Himmel über New York noch immer derselbe. Doch die Welt darunter war eine andere geworden.
Vielleicht war die Geschichte nie zu Ende gewesen.
Und 2026?
Die aktuelle Lage ist sogar komplizierter als 2001: Der Gaza-Krieg schwelt trotz der 2025 vereinbarten Waffenruhe weiter; die USA und Iran befinden sich 2026 in einem direkten militärischen Konflikt; Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine geht ins fünfte Jahr; zugleich vertieft sich die chinesisch-russische Zusammenarbeit, während die westlich dominierte multilaterale Ordnung an Bindekraft verliert.
Auf den ersten Blick scheint 2026 Samuel P. Huntingtons Jahr zu sein.
Er sagte nach dem Kalten Krieg im Kern voraus:
Wenn die ideologische Konfrontation zwischen Kommunismus und liberalem Kapitalismus verschwindet, verschwinden Konflikte nicht.
Menschen organisieren ihre politische Identität zunehmend über Kultur, Religion, Geschichte und Zivilisation. Konflikte könnten deshalb an den "Bruchlinien" großer Zivilisationsräume entstehen.
Betrachten wir den Nahen Osten: Israel/Gaza lässt sich oberflächlich tatsächlich huntingtonianisch lesen. Ein jüdischer Staat in einem überwiegend muslimisch-arabischen Umfeld, Hamas als islamistische Bewegung, eine starke emotionale Mobilisierung weit über das eigentliche Kriegsgebiet hinaus. Der Konflikt wird dadurch nicht nur territorial, sondern erhält eine identitäre und religiöse Dimension. Trotz der amerikanisch vermittelten Waffenruhe von Oktober 2025 gibt es weiterhin tödliche israelische Angriffe und gegenseitige Vorwürfe von Verstößen.
Der
direkte Konflikt USA–Iran scheint Huntingtons These noch eindrucksvoller
zu bestätigen. Amerikanische und iranische Kräfte stehen sich inzwischen unmittelbar gegenüber; selbst am 15. September 2026 kam es erneut zu einer militärischen Konfrontation um ein amerikanisches unbemanntes Schiff nahe iranischer Gewässer. Zugleich ist die Straße von Hormus zu einem strategischen Zentrum des Konflikts geworden.
Aber hier beginnt Huntingtons Problem,
denn sobald man genauer hinsieht, zerfällt sein Zivilisationsschema.
Russland gegen die Ukraine ist dafür geradezu ein Gegenbeweis. Beide Länder gehören in
Huntingtons eigener Typologie weitgehend demselben orthodox geprägten Kulturraum an.
Trotzdem führt Russland einen brutalen Eroberungs- und Territorialkrieg gegen die Ukraine. Heute werden weiterhin gegenseitig Energieanlagen angegriffen; allein in der vergangenen Nacht setzte Russland laut Reuters rund 200 Drohnen ein. Noch problematischer:
Die internationale Lagerbildung folgt keineswegs sauber Religion oder Kultur.
China und Russland rücken strategisch zusammen. China ist Russlands wichtigster Handelspartner, beide Staaten führen gemeinsame Militärübungen durch, und chinesische Technologie ist für die russische Kriegswirtschaft wichtig geworden. Gleichzeitig bestehen erhebliche Interessengegensätze zwischen beiden. Und
BRICS ist gerade keine einheitliche "nichtwestliche Zivilisation". Darin befinden sich völlig unterschiedliche Staaten und Interessen. Beim BRICS-Gipfel 2026 zeigten sich beispielsweise deutliche Differenzen darüber, wie mit dem Iran-Krieg umzugehen sei. Das führt zu einem interessanten Fazit: Huntington erkannte die Rückkehr von Identität erstaunlich gut. Er überschätzte aber die Geschlossenheit der Zivilisationen. Und genau an dieser Stelle wird Edward Said interessant.
Edward Said würde wahrscheinlich sagen:
Ihr macht einen Denkfehler, wenn ihr aus politischen Konflikten automatisch kulturelle Konflikte macht. Seine zentrale Kritik an Huntington war, dass Begriffe wie
"der Westen" oder "der Islam" Milliarden völlig verschiedener Menschen zu scheinbar homogenen Kollektiven machen. Gaza zeigt dieses Problem sehr deutlich. Man kann den Krieg als "Westen gegen islamische Welt" erzählen. Aber was geschieht dann mit den zahlreichen westlichen Kritikern der israelischen Kriegsführung? Was ist mit arabischen Regierungen, deren strategische Interessen nicht mit Hamas übereinstimmen? Was ist mit Iran, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder der Türkei, deren Interessen keineswegs identisch sind? Plötzlich existiert "die islamische Welt" überhaupt nicht mehr als einheitlicher politischer Akteur.
Dasselbe sehen wir auf der anderen Seite.
Auch "der Westen" ist 2026 kein geschlossener Block.
Europas sicherheitspolitische Interessen, amerikanische Interessen und die Politik einzelner NATO-Staaten fallen keineswegs automatisch zusammen. Analysen der gegenwärtigen Weltordnung sprechen deshalb zunehmend von flexiblen, regionalen und interessengeleiteten Koalitionen statt zwei sauber getrennten Lagern. Das ist bemerkenswert saidisch. Denn Said behauptete nicht, kulturelle Unterschiede existierten nicht. Sein Punkt war subtiler:
Gefährlich wird es, wenn wir politische Wirklichkeit durch vereinfachende kulturelle Kategorien erklären und anschließend diese Kategorien für die Wirklichkeit selbst halten. Und genau das passiert in geopolitischen Debatten ständig.
Und dann Fukuyama – scheinbar der große Verlierer
Bei Francis Fukuyama könnte man sagen: "Ende der Geschichte? Schau dir 2026 an."
Ukrainekrieg. Gaza. Iran. Autoritäre Großmächte. Drohnenkrieg. Sanktionen. Territorialpolitik. Aufrüstung Europas. China–USA-Rivalität. Das sieht wirklich nicht nach dem friedlichen Triumph der liberalen Demokratie aus. Aber damit würde man Fukuyamas These zu einfach darstellen.
Er behauptete niemals, dass nach 1989 keine Kriege mehr stattfinden würden.
Seine eigentliche Frage war viel größer:
Gibt es langfristig ein überzeugenderes universelles Modell politischer Legitimität als liberale Demokratie und individuelle Freiheit?
Und plötzlich wird die Bilanz komplizierter.
Russland hat die Ukraine nicht angegriffen, weil beide unterschiedlichen Zivilisationen angehören. Ein wesentlicher Bestandteil des Konfliktes ist vielmehr die Frage, ob die Ukraine ihre politische Ordnung, ihre Bündnisse und ihre internationale Orientierung selbst bestimmen darf.
Gerade deshalb ist die Ukraine für Fukuyama philosophisch hochinteressant. Millionen Ukrainer und Ukrainerinnen verteidigen nicht irgendeine neue universelle Ideologie, die Liberalismus und Demokratie ersetzen soll. Russland bietet der Welt ebenfalls keine universalistische Ideologie mit vergleichbarer globaler Attraktivität wie einst der Kommunismus. China ist hier der ernsthaftere Gegenkandidat: Autoritäre politische Kontrolle kombiniert mit technologischer und wirtschaftlicher Modernität. Aber selbst China exportiert bisher kein vollständig ausgearbeitetes universelles Gesellschaftsmodell nach dem Muster: "So sollte jeder Staat der Erde organisiert sein." Das ist ein Punkt zugunsten Fukuyamas. Aber Fukuyamas wirkliche Niederlage liegt woanders.
Sein größeres Problem ist 2026 nicht, dass liberale Demokratie einen eindeutigen ideologischen Gegner gefunden hätte. Es ist vielmehr, dass die von westlichen Demokratien geschaffene liberale internationale Ordnung selbst an Glaubwürdigkeit verliert. Die gegenwärtige amerikanische Politik unter Präsident Trump hat Teile jener multilateralen Ordnung infrage gestellt, die Washington nach 1945 wesentlich mit aufgebaut hatte. Brookings* beschreibt 2026 deshalb eine Welt ohne kohärente Vorstellung davon, wie die kommende multilaterale Ordnung überhaupt aussehen soll. Das ist philosophisch fast noch gravierender. Fukuyamas Problem lautet dann nicht:
"Die liberale Demokratie wurde besiegt." Sondern: "Ihre mächtigsten Verteidiger glauben selbst nicht mehr uneingeschränkt an die Ordnung, die aus ihr hervorging."
Der Überfall von Russland auf die Ukraine zeigt besonders gut, warum keiner der drei allein genügt
Man kann den Krieg durch alle drei Brillen betrachten.
Huntington: Russland beruft sich stark auf historische, nationale, religiöse und zivilisatorische Identität. Putin konstruiert Russland ausdrücklich als eigenständigen historischen Raum gegenüber dem Westen.
Said: Die Vorstellung homogener Zivilisationsblöcke versagt. Ukrainer und Russen besitzen enorme sprachliche, religiöse und kulturelle Überschneidungen. Trotzdem können politische Narrative aus dem jeweils anderen einen existenziellen "Fremden" machen.
Fukuyama: Im Zentrum steht zugleich eine Frage politischer Ordnung: Darf ein Staat selbst über Demokratie, Souveränität und Bündniszugehörigkeit entscheiden, oder darf eine Großmacht eine Einflusszone beanspruchen?
Der Krieg hat zudem etwas hervorgebracht, das alle drei nur teilweise vorausgesehen haben:
Eine Rückkehr klassischer Machtpolitik unter den Bedingungen modernster Technologie. Drohnen, Satelliten, Cyberkrieg und künstliche Intelligenz treffen auf etwas, das aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte: Territorium. Grenzen. Einflusssphären. Nationalismus. Großmachtpolitik.
Die heutige Konstellation anno 2026 kann deshalb nicht als klassischen „Clash of Civilizations“ beschrieben werden.
Wir bewegen uns eher in eine fragmentierte multipolare Ordnung.
Auf der einen Seite stehen weiterhin die USA mit NATO, Japan, Südkorea, Australien und anderen Partnern. Daneben entwickelt sich eine immer engere chinesisch-russische strategische Verbindung. Gleichzeitig existieren Mittelmächte wie Indien, Saudi-Arabien, Türkei, Brasilien oder die Golfstaaten, die sich nicht dauerhaft einem einzigen Block unterordnen wollen. Gerade Indien ist dafür charakteristisch: Kooperation mit den USA hier, BRICS dort, Beziehungen zu Russland gleichzeitig, eigene Interessen überall.
Das ist weder Kalter Krieg 2.0 noch Huntingtons sauber aufgeteilte Zivilisationskarte.
Es ist transaktionale Multipolarität. Staaten fragen immer häufiger nicht: "Zu welchem Lager gehöre ich?" sondern: "Welche Partnerschaft nützt mir bei diesem konkreten Problem?", also eine Verschiebung zu Ad-hoc-Koalitionen und interessengeleiteter Zusammenarbeit. Vielleicht ist unsere Welt von 2026 eine Welt der Kontingenz. Ein Staat kann heute Partner und morgen Konkurrent sein. Ein Land kann wirtschaftlich mit China verflochten sein und militärisch mit den USA kooperieren. Ein Staat kann BRICS-MItglied sein und gleichzeitig westliche Institutionen nutzen. Ein Krieg kann gleichzeitig nationalistisch, territorial, religiös, ökonomisch, technologisch und machtpolitisch sein. Und genau deshalb gibt es vielleicht keine übergeordnete historische Logik, die alle diese Entwicklungen bündelt.
Das Ende der Geschichte ist vielleicht nicht das Ende der Konflikte.
Es ist das Ende unserer Fähigkeit, die Konflikte in einer einzigen historischen Erzählung zusammenzufassen.
*Brookings Institution, einer der einflussreichsten Think Tanks der USA, gegründet 1916 in Washington D.C. Sie gilt als unabhängig, nicht‑parteipolitisch und liefert Forschung zu Außenpolitik, Demokratie, Wirtschaft und globaler Ordnung. Brookings ist traditionell ein Verteidiger der liberalen internationalen Ordnung (UNO, NATO, WTO, Menschenrechte, Demokratie).
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