Zwischen Kohabitation und Selbstbehauptung: Teil 3 / Judith Butler zum 07. Oktober 2023
Der 2. Teil dieser Serie stand im Fokus des jüngsten Essays von Eva Illouz "Der 8. Oktober", der am 15.09. 2025 bei Suhrkamp erschien. Nun wieder dialogisch Judith Butlers Perspektive und die Rehabilitation der french theory.

Relativierung versus Kontextualisierung
Ein Vorwurf von Eva Illouz lautete, dass durch Konzepte wie "Diskurs", durch "Intersektionalität" und der Skepsis gegenüber "allgemeingültiger Wahrheiten" oder "universalistischer Gewissheiten" das Leid der Opfer in Israel nicht gleichwertig und nicht ausreichend anerkannt wird. Diese Sorge und Kritik ist berechtigt und sie ist wichtig. Betrachtet und analysiert werden muss, dass diese Kontextualisierung nicht benutzt wird, um konkretes Leid zu relativieren. Gewalt, Unrecht und Massaker wie das am 07.10.2023 sind real und sie erfordern moralische Verurteilung. Macht, Diskurs und deren historische Konditionen dienen nicht dazu, Verbrechen zu beschönigen oder zu relativieren, sondern um die Bedingungen zu verstehen: Wie sie möglich wurden, wer sie trägt, wer sie ermöglicht, wer sie instrumentalisiert.
In Judith Butlers Verständnis heißt das, wenn die Taten der Hamas verurteilt werden, dann müssen gleichzeitig die längerfristigen politischen, sozialen und historischen Bedingungen mitgedacht werden. Besatzung ebenso wie globale Ungleichheit, Rassismus, religiöser Fanatismus, aber auch die Rolle westlicher Politik; internationale Waffenlieferungen, Propaganda in Medien usw. Nur wenn dies auf beiden Seiten analysiert und deskriptiv beschrieben wird, strukturell und unmittelbar, kann dies zu einer umfassenderen ethischen Verantwortung führen.
In Judith Butlers Verständnis heißt das, wenn die Taten der Hamas verurteilt werden, dann müssen gleichzeitig die längerfristigen politischen, sozialen und historischen Bedingungen mitgedacht werden. Besatzung ebenso wie globale Ungleichheit, Rassismus, religiöser Fanatismus, aber auch die Rolle westlicher Politik; internationale Waffenlieferungen, Propaganda in Medien usw. Nur wenn dies auf beiden Seiten analysiert und deskriptiv beschrieben wird, strukturell und unmittelbar, kann dies zu einer umfassenderen ethischen Verantwortung führen.
Empathie darf nicht abhängig sein von vollständiger Transparenz. Ebenso wenig darf sie nicht blind werden für Manipulationen und Ungenauigkeiten. In ethischen Kontexten muss ein Spannungsverhältnis akzeptiert werden: Die Verpflichtung, Wahrheit zu suchen und zu prüfen, und gleichzeitig die moralische Verpflichtung, den Schmerz sichtbar zu machen.
Universelle Ethik (Illouz) versus identitäre Politik (Butler)
Eva Illouz beklagte im Essay den Verlust universaler Maßstäbe, wenn politische Emphase auf Identitäten gelegt werde. Im Sinne Judith Butlers kann dieser Universalismus leer oder sogar toxisch sein, wenn er historische Unterschiede, unterschiedliche Machtverhältnisse und ungleiche Erfahrungen und Perspektiven übersieht. Ein Universalismus, der alle Menschen denkt, aber die konkreten Bedürfnisse und Verletzungen von Minderheiten leugnet oder marginalisiert, ist kein starker Universalismus, sondern ein Universalismus, der Machtverhältnisse reproduziert. Intersektionalität ist mithin eine Ergänzung zum Universalismus, nicht dessen Gegensatz. Wenn gesagt wird, dass alle Menschen gleiche Rechte verdienen, dann heißt das auch, dass geprüft werden muss, wie bestimmte Gruppen durch spezifische historische und strukturelle Gewalt ausgeschlossen, entmenschlicht oder unsichtbar gemacht werden.
Die historische Dimension des Zionismus
Eva Illouz beschrieb den Zionismus als emanzipatorische und antirassistische Bewegung als Antwort auf Verfolgung, als säkulares und liberal-patriotisches Ideal und kritisiert die Gleichsetzung von Zionismus mit Kolonialismus. Zionismus hatte und hat unterschiedliche Ausprägungen. Einige sind historisch säkular, sozialistisch, humanistisch geprägt; andere ethno-nationalistisch, theokratisch und kolonialistisch. Es ist erforderlich, diese zu unterscheiden. Den legitimen Anspruch auf ein sicheres Zuhause und Selbstbestimmung für Jüdinnen und Juden heißt nicht, alle politischen Entscheidungen der israelischen Regierung kritiklos zu akzeptieren, insbesondere, wenn durch diese Entscheidungen eklatant Menschenrechte verletzt werden.
Indifferenz und Schweigen
Eva Illouz beklagt zurecht das lange Schweigen von Intellektuellen nach dem Massaker der Hamas am 07. Oktober 2023. Schweigen und Zurückhaltung war augenscheinlich Ausdruck moralischer Überforderung oder auch Angst vor politischer Instrumentalisierung, vielleicht auch Unsicherheit über das, was man angemessen darüber sagen kann.
Diese moralische Verantwortung sollte nicht davor zurückschrecken, auch unangenehme Positionen einzunehmen, auch wenn das Kritik nach sich zieht. Es darf nicht passieren, dass Furcht vor Polarisierung die Pflicht zu Empathie und Gerechtigkeit ersetzt.
Illouz Kritik der french theory
In ihrem Essay Der 8. Oktober hat Eva Illouz der french theory vorgeworfen, sie habe ein Klima moralischer Relativierung geschaffen, in dem Antisemitismus gedeihe und in dem die Verurteilung des Massakers vom 07. Oktober 2023 unzureichend erscheine. Ihr Argument lautet im Kern: poststrukturalistische Ansätze wie jene von Foucault oder Derrida hätten die Grundlagen universeller Ethik zersetzt und eine intellektuelle Kultur befördert, in der das Leiden der Jüdinnen und Juden systematisch relativiert oder gar ausgeblendet werde. Diese Diagnose ist kraftvoll, aber sie ist zugleich wissenschaftlich problematisch. Sie beruht auf Verallgemeinerungen, die heterogene Theorietraditionen unter ein einziges Schlagwort stellen, und sie verkennt den normativen und politischen Gehalt kritischer Theorie. Im Folgenden möchte ich mit kurz skizzierten Aspekten zeigen, dass Illouz’ Kritik das Projekt der french theory falsch charakterisiert und damit gerade jene differenzierte Urteilsfähigkeit untergräbt, die sie selbst fordert.
Fiktion einer homogenen Theorie
Eva Illouz spricht von french theory so, als handle es sich um einen einheitlichen Diskurs. In Wirklichkeit bezeichnet der Begriff ein Sammelsurium unterschiedlicher Strömungen. Foucaults Analysen der Gouvernementalität und Biopolitik unterscheiden sich grundlegend von Derridas Dekonstruktion oder Bourdieus Feldtheorie. Diese Traditionen haben zwar Überschneidungen, doch sie folgen verschiedenen methodologischen und normativen Prämissen. Eine seriöse Kritik müsste präzisieren: Welche spezifischen Begriffe oder Argumentationsfiguren tragen zu welchem Problem bei? Indem Eva Illouz die Komplexität reduziert, erzeugt sie einen Scheinwiderspruch: eine amorphe "Theorie" als Feindbild, das dann für gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht wird. Wissenschaftlich gesehen ist das ein Kategorienfehler.
Kontextualisierung ist keine Relativierung
Eva Illouz behauptet, poststrukturalistische Theorien führten zu moralischer Indifferenz. Tatsächlich analysieren sie jedoch die Bedingungen der Möglichkeit moralischer Urteile. Michel Foucault etwa zeigt, wie Diskurse Wahrheitsregime formen; Jacque Derrida weist darauf hin, dass jede Norm mit einem Rest an Nicht-Erfüllbarkeit behaftet ist. Diese Analysen beseitigen moralische Normativität nicht, sie vertiefen sie: Wer versteht, wie Macht Wissen produziert, kann auch kritischer einschätzen, welche Stimmen ausgeschlossen und welche Opfer unsichtbar gemacht werden. Eine Ethik, die sich blind auf "universelle Werte" beruft, ohne ihre historischen Einbettungen zu reflektieren, läuft Gefahr, bestehende Machtverhältnisse zu reproduzieren. Kontextualisierung ist daher die Bedingung einer robusteren moralischen Urteilskraft.
Theorie und Empirie: ein falscher Gegensatz
Eva Illouz wirft der "french theory" vor, sie sei anti-empirisch und verliere den Bezug zur Wirklichkeit. Doch viele ihrer Vertreterinnen und Vertreter betrieben und betreiben empirische Arbeit: Foucault in Archiven, Bourdieu in ethnographischen Feldstudien, Butler in der Analyse juristischer und medialer Praktiken. Das Missverständnis liegt darin, Theorie und Empirie als Gegensätze zu konstruieren. In Wahrheit gilt: Theorie strukturiert, was als empirische Evidenz zählt. Ohne theoretisches Raster gibt es keine Datenauswahl, keine Relevanzkriterien. Poststrukturalistische Ansätze verschieben die Frage: Welche Formen von Evidenz werden anerkannt, und welche werden systematisch delegitimiert? Das ist kein Abwenden von Empirie, sondern eine radikale Erweiterung empirischer Sensibilität.
Universalismus durch Differenz
Ein weiterer Kernvorwurf lautet, "french theory" habe den Universalismus zugunsten partikularer Identitätspolitik aufgegeben. Doch Universalismus ist nicht gefährdet durch die Anerkennung von Differenzen, sondern gerade auf sie angewiesen. Wenn gesagt wird, "alle Menschen sind gleich", bleibt dieser Satz leer, solange wir nicht aufzeigen, wie bestimmte Gruppen — z.B. Minderheiten — systematisch entrechtet werden. Intersektionale Analysen machen die blinden Flecken sichtbar, in denen Universalismus sonst abstrakt bleibt. Differenz ist daher kein Feind, sondern die Bedingung der Möglichkeit des Universalen.
Der Vorwurf des "virtuosen Antisemitismus"
Besonders scharf ist Eva Illouz’ These, die "french theory" habe einen "tugendhaften Antisemitismus" erzeugt — also eine intellektuell vornehme Form des Antisemitismus ("antisémitisme vertueux"). Das ist eine schwerwiegende Anschuldigung, die wissenschaftliche Evidenz erfordert. Doch Eva Illouz bietet keine systematischen Belege: keine empirischen Studien, die eine Kausalität zwischen theoretischer Ausbildung und antisemitischer Einstellung zeigen; keine Textanalysen, die den behaupteten Zusammenhang stringent begründen. Eine Kritik darf starke Begriffe verwenden, aber sie muss methodisch tragfähig sein. Wer theoretische Konzepte mit Antisemitismus gleichsetzt, läuft Gefahr, die notwendige Unterscheidung zu verwischen: zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und antisemitischer Feindseligkeit gegen Juden. Gerade poststrukturalistische Analyseinstrumente helfen, diese Unterscheidung schärfer zu ziehen, indem sie Diskurse differenziert analysieren.
Verwendete Literatur:
Eva Illouz, Der 8. Oktober. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2025
Michel Foucault, Archäologie des Wissens. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1973
Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1987
Jacques Derrida, Die Grammatologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1983
Judith Butler, Raster des Krieges. Frankfurt a.M.: Campus, 2010
© Maximilian Kretzschmar, Alle Rechte vorbehalten
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Warum Pflege kein Kostenproblem ist Wenn über steigende Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung oder über knappe öffentliche Haushalte gesprochen wird, taucht Pflege fast reflexhaft als "Kostenfaktor" auf. Pflege sei zu teuer geworden, heißt es, zu personalintensiv, zu ineffizient. Diese Sichtweise greift zu kurz – und führt regelmäßig zu falschen politischen Entscheidungen. Das Problem der Pflege ist kein Kostenproblem. Es ist ein Organisations-, Vergütungs- und Anerkennungsproblem. Pflege kostet Geld – schlechte Pflege kostet mehr Pflege ist arbeitsintensiv. Gute Pflege braucht Zeit, qualifiziertes Personal und verlässliche Strukturen. Das kostet Geld – aber genau hier beginnt die Verkürzung der Debatte. Denn schlecht organisierte Pflege spart nicht, sie verlagert und vervielfacht Kosten. Unzureichende pflegerische Versorgung führt zu: • längeren Krankheitsverläufen • vermeidbaren Komplikationen • häufigeren Wiedereinweisungen • zusätzlicher Belastung von Angehörigen Diese Folgekosten tauchen in keiner einfachen Pflegebilanz auf, belasten aber das Gesundheits- und Sozialsystem insgesamt. Fehlanreize im System statt zu hoher Ausgaben Das deutsche Gesundheitssystem ist stark auf Abrechnung einzelner Leistungen ausgerichtet. Pflege wird dabei strukturell benachteiligt. Vergütet werden vor allem: • medizinische Prozeduren • diagnostische Maßnahmen • klar abrechenbare Einzelleistungen Pflege hingegen ist: • kontinuierlich • beziehungsorientiert • schwer in einzelne "Leistungen" zerlegbar Zeit für Zuwendung, Beobachtung oder Koordination wird kaum honoriert. Pflege spart oft Kosten, indem sie Komplikationen verhindert – doch genau dieser präventive Effekt taucht im Vergütungssystem nicht auf. Pflege zwischen Effizienzdruck und Verantwortung In Akutkrankenhäusern wird Pflege zunehmend unter ökonomischen Vorgaben organisiert. Kurze Liegezeiten, hohe Fallzahlen und knappe Personalschlüssel setzen Pflegende unter Druck. Verantwortung für Menschen steht dann im Widerspruch zu betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Die Folge: • Pflegekräfte verlassen den Beruf • Know-how geht verloren • Arbeitsbelastung steigt weiter Der sogenannte Pflegenotstand ist daher weniger ein demografisches Problem als ein systemisch erzeugtes. Pflege ist Infrastruktur Pflege ist keine individuelle Zusatzleistung und kein Luxus. Sie ist Teil der gesellschaftlichen Grundversorgung – vergleichbar mit Bildung, Verkehr oder Energieversorgung. Gesellschaften, die hier sparen wollen, zahlen später an anderer Stelle deutlich mehr. Eine ehrliche Pflegepolitik müsste daher fragen: • Wie organisieren wir Pflege so, dass sie langfristig stabil wirkt? • Wie vergüten wir Pflege so, dass Qualität sich lohnt? • Wie entlasten wir Pflegende und Angehörige gleichermaßen? Fazit Pflege ist nicht zu teuer. Teuer ist ein System, das Pflege falsch organisiert, falsch bewertet und systematisch überlastet. Wer Pflege weiterhin nur als Kostenfaktor behandelt, produziert höhere Ausgaben, schlechtere Versorgung und soziale Folgekosten. Wer Pflege als gesellschaftliche Infrastruktur begreift, investiert in Stabilität – menschlich wie ökonomisch. Gemessen im internationalen Vergleich der OECD-Länder und des BIP sind die Gesundheitsausgaben Deutschlands deutlich über dem Durchschnitt (bei ca 12,3 bis 12,8 % - Durchschnitt der anderen OECD Länder liegt bei 9,3 %). Auch im europäischen Schnitt liegt Deutschland bei 12 %; EU-Schnitt bei 10 %. Was sind nun strukturelle Probleme, die dringend reformiert werden müssen? Unser Gesundheitssystem ist zugänglich und leistungsstark, aber strukturell ineffizient. Vieles wird gut behandelt - nur eben sehr oft, parallel und sehr teuer. Beispielsweise bei den Medikamentenpreisen, mit Drehtüreffekten und vielen Operationen. In Deutschland dürfen neue Medikamente sofort nach Zulassung verordnet werden. Der Hersteller legt im ersten Jahr den Preis selbst fest. Erst danach wird der Zusatznutzen bewertet (AMNOG) und ein Erstattungspreis verhandelt. Was zu dem Ergebnis führt, dass Deutschland oft der Referenzmarkt für hohe Medikamentenpreise wird. Andere Länder warten ab oder begrenzen die Anwendung - Deutschland nicht. Drehtüreffekt Drehtüreffekt meint: Patient wird im Krankenhaus behandelt; ist kurz stabil, wird entlassen und kommt bald wieder. Warum passiert das? Im Akutkrankenhaus wird das akute Problem behandelt. Bei der Nachsorge wird es lückenhaft (Hausarzt oder nicht?, ambulante Pflege, Sozialdienste). Es gibt kaum finanzielle Anreize für: Prävention und Prophylaxe langfristige Koordination stabile ambulante Betreuung Dadurch kommt es zu der Kostenwirkung: nächste Krankenhausaufenthalte (erhöhte Kosten), gleiche Diagnose, gleiche Behandlung, wenig später wieder für Wochen Die Alternative hierzu zeigen andere Länder Strukturierte Nachsorge (engmaschige Nachbetreuung durch Ärzte, ambulante Pflegedienste, Sozialdienst) integrierte Versorgung: Weniger Wiederaufnahmen, geringere Kosten Operationen: Zu viele Eingriffe, die nicht unbedingt nötig sind Im internationalen Vergleich finden in Deutschland sehr viele Hüft- und Knie-OPs, viele Wirbelsäulenoperationen und Herzkatheter-OPs statt. Es gibt in Deutschland eine falsche Anreizstruktur durch das DRG-System in Krankenhäusern, wo pro Fall bezahlt wird. Dadurch bringen OPs klare Erlöse und planbare Abläufe. Hingegen werden konservative Therapien (Physio, Zeit, Beratung) schlecht vergütet und sie sind zeitintensiv. Was zum Ergebnis führt, dass häufiger auch bei Grenzindikationen operiert wird. Eintreten können zudem Komplikationen, wodurch Folgeoperationen, Revisionen nötig werden und erneute Krankenhausaufenthalte. Viele medizinisch sinnvolle Einzelentscheidungen ergeben systemisch hohe Kosten. Nicht, weil zu gut behandelt wird, sondern weil zu oft und zu sektorengetrennt und zu wenig koordiniert behandelt wird, entstehen zu hohe Kosten. Wo es anders läuft: Dänemark Regionen sind für den gesamten Versorgungsweg verantwortlich. Krankenhäuser werden finanziell bestraft, wenn Patienten schnell wiederkommen. Starke kommunale Pflege und Telemonitoring bilden die Struktur. Auch in Kanada, wo es für chronisch Kranke "Case Manager" als direkten Ansprechpartner gibt, der alles koordiniert, gelten erneute Krankenhausaufenthalte als Versorgungsversagen. Wichtig für Deutschland wäre: Budgets gelten für Behandlungsketten, nicht für Einzelfälle. Wer entlässt, bleibt verantwortlich. Auch die vielen, durch Fallpauschalen begünstigten OP-Eingriffe in Deutschland könnten beispielsweise mit einer verpflichtenden Zweitmeinung bei bestimmten OPs auf deren Notwendigkeit überprüft werden - so passiert dies in der Schweiz. Dort gibt es zudem eine hohe Transparenz über OP-Zahlen je Klinik, begrenzte Leistungsangebote durch die Kantone und durch weniger unnötige Eingriffe eine bessere Spezialisierung der Kliniken. Oder zum Beispiel Finnland. Dort müssen konservative Therapien dokumentiert ausgeschöpft sein, bevor operiert wird. Es gibt strenge Leitlinien und zentrale OP-Zentren. Zudem werden natürlich konservative Therapien auch besser bezahlt als in Deutschland. In einer Serie habe ich bereits die Pflegemodelle verschiedener Länder vorgestellt, wie z.B. Holland oder auch die Pflegesysteme verglichen, wie hier . Fazit In einem konkreten Reformpaket für Deutschland sollte(n): - Grenzen gesetzt werden (beispielsweise bei der Zulassung von neuen Medikamenten oder auch der Dokumentation konservativer Methoden) - Verantwortung gebündelt werden, statt sie zu fragmentieren - Ergebnisse / Heilung bezahlt werden, nicht Maßnahmen Medikamente: „Schnell verfügbar, aber nicht zum Fantasiepreis“ a) Preisdeckel im ersten Jahr und sofortige Nutzengrenze • Heute ist Deutschland extrem attraktiv als Frühmarkt; genau das treibt die Ausgaben • Reform: ab Tag 1 ein vorläufiger Erstattungspreis (z. B. orientiert an EU-Vergleich/Bestandsmarkt) und Nachzahlung nur bei nachgewiesenem Zusatznutzen. • Warum jetzt: Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel sind weiterhin sehr dynamisch; in der AMNOG-Evaluation wird auch nach Eingriffen (GKV-FinStG) erneut starkes Wachstum gezeigt b) "Coverage with evidence" und Outcomes-Verträge • Für teure Innovationen: Erstattung nur für klar definierte Patientengruppen, gekoppelt an Registerdaten ("bezahlen, wenn es wirkt") c) Verordnungssteuerung über Leitlinien/Indikationsprüfung • Bei geringer Evidenz: engere Indikationen, verpflichtende Zweitmeinung/Expert-Board (z. B. Onkologie) Drehtüreffekte: "Wer entlässt, bleibt mitverantwortlich" a) 30-Tage-Gesamtbudget (Bundled Payment) für ausgewählte Diagnosen • Für Herzinsuffizienz, COPD, Diabetes-Komplikationen etc ein Budget für Aufnahme und Behandlung sowie Nachsorge über 30 Tage • Wiederaufnahme "frisst" das Budget → starker Anreiz, Nachsorge wirklich zu organisieren b) Pflicht-Entlassmanagement und finanzierte Nachsorge • Standard: Termin beim Hausarzt/Primärteam binnen 7 Tagen, Medikationsplan, Telemonitoring bei Risikopatienten c) Kommunale Primärversorgung skalieren • Das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz (GVSG) stärkt explizit kommunale Versorgung/Strukturen – darauf kann man aufbauen (mehr Primärzentren, koordinierte Teams) Operationen: "Weniger Grenzindikationen, mehr ambulant, mehr Spezialisierung" a) Verbindliche Zweitmeinung bei planbaren High-Volume-OPs • Knie/Hüfte, Wirbelsäule, bestimmte Katheter/Endoskopien: ohne dokumentierte Zweitmeinung keine Erstattung (Ausnahmen: Notfälle) b) "Ambulant vor stationär" mit echter Finanzierung • Ambulante OP-Zentren/Hybridstrukturen ausbauen und so bezahlen, dass Kliniken nicht aus Erlöslogik stationär halten c) Ergebnisqualität (PROMs/Komplikationen) wird abrechnungsrelevant • Kliniken/Teams mit schlechteren Outcomes verlieren Volumen/Leistungsgruppen Reformen sind in Deutschland schlecht durchsetzbar, das liegt zum einen an der förderalen Struktur und Planungshoheit der Länder (versus Finanzierung/Regeln Bundesangelegenheit) und dem herrschenden Korporatismus gut organisierter Verbände der Pharmaindustrie, Interessenvertretungen von Akteuren wie Krankenhäusern, Verbänden des ärztlichen Dienstes und den Kassen mit zum Teil gegenläufigen Interessen wie Preisen/Marktzugang versus Ausgaben und der Therapiefreiheit des ärztlichen Dienstes oder auch der stationären Versorgung (Volumina Kliniken versus ambulanter Versorgung.

Was ist historisches Denken? Historisches Denken bedeutet mehr als das Auswendiglernen von Daten. In der Geschichtsdidaktik wird darunter die Fähigkeit verstanden, • Temporalität zu erfassen (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft in ihren Beziehungen), • Kontinuitäten und Brüche zu erkennen, • Kausalität und Multikausalität zu reflektieren (komplexe Ursachen, Nebenfolgen), • Perspektivität und Kontingenz zu verstehen (es hätte auch anders kommen können), • sich mit Quellen kritisch auseinanderzusetzen und Deutungen zu prüfen. Empirische geschichtsdidaktische Forschung betont, dass historisches Denken immer auch ein Denken in Modellen, Narrativen und Deutungsangeboten ist, die selbst reflektiert werden müssen. Genau diese Kompetenzen sind zentral für jede anspruchsvolle politische Analyse: Wer Politik verstehen will, muss Narrative, Quellen, Begriffe und Machtkonstellationen historisch einordnen können. Politik ist historisch – deshalb muss es die Analyse auch sein 2.1 Historische Variabilität dessen, was "Politik“ ist Die historische Politikforschung zeigt, dass weder "Politik" noch "das Politische" zeitlos definierbar sind. Im Gegenteil: Was als "politisch" gilt, verändert sich historisch – ebenso die Räume, Akteure und Formen des Politischen. Die Bielefelder historische Politikforschung betont, dass es „keine allgemeingültigen und überzeitlichen Definitionen dessen“ gibt, was unter Politik oder dem Politischen verstanden wird. Vielmehr verändert sich historisch, • wer politisch sprechen darf (z.B. Ausweitung des Wahlrechts, Frauenwahlrecht), • wo Politik gemacht wird (Parlament, Straße, Medien, digitale Räume), • welche Themen als politisch gelten (z.B. früher "Privatsache", heute Politikfeld: Geschlecht, Umwelt, Care-Arbeit). Damit folgt logisch: Wenn bereits der Gegenstand der Analyse – "die Politik" – historisch variabel ist, dann kann eine Analyse, die diese historische Variabilität ignoriert, nur verkürzt und teilweise irreführend sein. 2.2 Historische Prägung politischer Begriffe und Denktraditionen Die Geschichte politischer Ideen zeigt verschiedene, bis heute wirksame Politikbegriffe: • Normativ-ontologischer Politikbegriff (Platon, Aristoteles): Politik als auf das "Gute" zielende Ordnung der Polis. • Realistischer Politikbegriff (Neuzeit, Max Weber): Politik als Machtstreben, Legitimität, Herrschaft in modernen Staaten. • "Politik als Freund-Feind-Unterscheidung" (Carl Schmitt): Chantal Mouffe bezog daraus ihre "Agonistik". Mouffe überführt Schmitts Antagonismus (Feind als zu vernichtender Feind) in einen agonistischen Konflikt (Gegner als legitime, aber unvereinbare Opponenten). Diese Begriffe sind historisch entstanden, reflektieren spezifische Konstellationen (Polis, Nationalstaat, Krisen der Zwischenkriegszeit) und wirken bis heute nach. Wer heute politisch analysiert, steht unausgesprochen in diesen Traditionslinien. Historisches Denken ist hier nötig, um: • Begriffe zu entschlüsseln (z.B. "Souveränität", "Sicherheit", "Volk"), • ihre Herkunft zu verstehen, • ihren Ideologiegehalt sichtbar zu machen, • und ihre Anwendung in der Gegenwart kritisch zu prüfen. Ohne historische Kontextualisierung wirkt die Sprache der Politik scheinbar selbstverständlich, ist aber tatsächlich Ergebnis historischer Kämpfe und Bedeutungsverschiebungen. 3. Historische Quellenanalyse als Methode politischer Wissenschaft Die Politikwissenschaft hat – neben Statistik, Vergleich, Politikfeld-Analyse – auch explizit historische Methoden integriert. Die historische Quellenanalyse wurde als eigenständige Methode in Handbüchern der Politikwissenschaft beschrieben. Kennzeichnend für diese Methode sind: • Quellenzentrierung: Politische Analysen stützen sich auf Dokumente, Reden, Verträge, Medienbeiträge, Akten usw., deren Entstehungskontext rekonstruiert werden muss. • Kritische Kontextualisierung: Wer hat wann, warum, für wen geschrieben? Unter welchen Machtverhältnissen? Mit welchen Auslassungen? • Rekonstruktion von Prozessen: Politische Entscheidungen, Institutionen und Konflikte werden als Prozesse im Zeitverlauf verstanden, nicht als statische Zustände. Dieser Ansatz verdeutlicht: Historisches Denken ist nicht einfach "Hintergrundwissen", sondern methodisch strukturiertes Vorgehen – die Art und Weise, wie Quellen gelesen, Ereignisse periodisiert und Entwicklungen analysiert werden. Politische Analyse ohne diesen Zugriff riskiert, Quellen ahistorisch zu lesen, etwa: • Aussagen von Akteuren in der Sprache ihrer Zeit zu übersehen, • Machtasymmetrien in der Dokumentenproduktion zu ignorieren, • und Kontinuitäten/Brüche (z.B. in autoritären Praktiken) nicht zu erkennen. 4. Geschichte und Politik: Deutungskämpfe und Erinnerung 4.1 Geschichte als Politikum Die Politikwissenschaft und Zeitgeschichte weisen darauf hin, dass Deutungen der Vergangenheit selbst politisch hoch umkämpft sind. Debatten um Denkmäler, Gedenkfeiern, Museen und Gedenktage zeigen, dass Vergangenheit in Gegenwartsauseinandersetzungen eine zentrale Rolle spielt. Die Bundeszentrale für politische Bildung betont: • Deutungen der Vergangenheit sind immer auch Teil aktueller politischer Konflikte. • Erinnerungspolitik strukturiert Identität, Legitimität und Zugehörigkeit. • Die „Rückkehr der Geschichte“ in der Politik nach 1989/90 zeigt, wie Umbrüche durch Rekurse auf Vergangenes interpretiert werden. Für politische Analyse bedeutet das: • Wer politische Debatten (z.B. um Nationalstolz, Kolonialerbe, „Wende“-Erfahrungen) verstehen will, muss die konkurrierenden Geschichtsbilder der Akteure analysieren. • Historisches Denken dient hier als Instrument, um Erinnerungspolitiken zu identifizieren, ihre Genese nachzuzeichnen und ihre Funktionen (Legitimation, Abgrenzung, Mobilisierung) sichtbar zu machen. Ohne historisches Denken bleibt Analytik auf der Oberfläche tagespolitischer Argumente stehen und verfehlt die tiefere symbolische und identitätspolitische Dimension. 4.2 Vergangenheitsbewältigung und politische Kultur Historisches Denken ist doppelt relevant, um zu analysieren, wie politische Kultur, Institutionen und Normen geprägt wurden, nämlich: • Deskriptiv-analytisch: Es rekonstruiert, wie Gesellschaften mit Gewaltgeschichte umgehen, welche Narrative sich durchsetzen, welche verdrängt werden. Und das historische Denken erfolgt: • Normativ-kritisch: Es ermöglicht, Kriterien für einen verantwortungsvollen Umgang mit Vergangenheit zu entwickeln und gegen geschichtsrevisionistische Tendenzen zu argumentieren. Politische Analysen, die z.B. den Aufstieg bestimmter Parteien, Vertrauenskrisen in Institutionen oder regionale Unterschiede betrachten, können ohne diese geschichtliche Tiefendimension nur eingeschränkt erklären, warum bestimmte Positionen auf Resonanz stoßen. 5. Historisches Denken als Schutz vor Gegenwartsfetischismus und Simplifizierung 5.1 Kontingenzbewusstsein statt "Es musste so kommen" Historisches Denken schärft das Bewusstsein dafür, dass politische Entwicklungen kontingent sind – sie hätten auch anders verlaufen können. Geschichtsdidaktische Forschung betont diese Kontingenzperspektive als Kern historischen Denkens. Politischer Gewinn daraus: • Abwehr deterministischer Narrative, in denen z.B. Globalisierung, "der Markt" oder "die Geschichte" als zwangsläufige Mächte erscheinen. • Erkennen, dass Entscheidungen, Pfadabhängigkeiten und Alternativen real existierten – und dass Verantwortung benannt werden kann. • Öffnen von Denk- und Handlungsräumen: Wenn Vergangenes nicht zwangsläufig war, ist auch Zukünftiges gestaltbar. Ohne historisches Denken droht politischer Gegenwartsfetischismus: Die aktuelle Ordnung wird als selbstverständlich, "naturgegeben" oder alternativlos beschrieben. 5.2 Komplexität und Multikausalität Historische Forschung arbeitet systematisch mit Multikausalität und Interdependenz – ökonomische, soziale, kulturelle, rechtliche, technologische Faktoren verschränken sich. Geschichtsdidaktische Modelle des historischen Denkens machen diese Mehrdimensionalität explizit zum Lernziel. Politische Analyse, die historisch denkt, • vermeidet monokausale Schuldzuweisungen ("Die Krise kam nur durch X"), • kann langfristige Strukturprozesse (z.B. Demografie, Industrialisierung, Kolonialismus) und kurzfristige Auslöser (Entscheidungen, Krisen) kombinieren, • erkennt Pfadabhängigkeiten (z.B. wohlfahrtsstaatliche Regime, Parteiensysteme). Dies ist wissenschaftlich relevant, weil Politik nicht nur aus isolierten Ereignissen besteht, sondern auf historisch gewachsenen Strukturen aufbaut, in denen Akteure handeln. 6. Verbindung von historischer und politischer Bildung In der Forschung zur politischen Bildung wird zunehmend betont, dass historisches Denken und politisches Urteilen eng zusammengehören. Werke wie „Historisches Denken erforschen“ zeigen, dass Kompetenzen des historischen Denkens (z.B. Perspektivübernahme, Quellenkritik, Narrativbewusstsein) sich direkt auf politische Urteilskompetenz übertragen lassen. Zentrale Punkte: • Quellenkritik: Wer gelernt hat, historische Quellen kritisch zu lesen (Intention, Kontext, Selektivität), kann politische Informationen, Medien, Statistiken und Reden differenzierter einordnen. • Perspektivübernahme: Historisches Einfühlen in vergangene Akteure trainiert eine Form von Empathie und Perspektivenvielfalt, die in pluralistischen Demokratien unverzichtbar ist. • Narrativkritik: Das Bewusstsein, dass jede Geschichte eine erzählte, perspektivische Rekonstruktion ist, hilft, politische „große Erzählungen“ (Nation, Fortschritt, Bedrohungsszenarien) zu dekonstruieren. Damit wird historisches Denken nicht nur als Zusatzkompetenz, sondern als konstitutiver Bestandteil politischer Mündigkeit verstanden. 7. Wissenschaftliche Schlussfolgerung Aus der Sicht von Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft und Geschichtsdidaktik lässt sich die These folgendermaßen bündeln: 1. Politik ist historisch veränderlich und begrifflich umkämpft. Daher muss eine angemessene Analyse die historische Genese von Begriffen, Institutionen und Konflikten rekonstruieren. 2. Historische Quellenanalyse ist ein anerkannter Teil politikwissenschaftlicher Methodik, weil politische Prozesse sich nur im Zeitverlauf und quellenkritisch angemessen erfassen lassen. 3. Deutungen von Vergangenheit sind selbst politisch. Politische Analyse muss daher Erinnerungspolitik und Geschichtsnarrative der Akteure mitreflektieren. 4. Historisches Denken schützt vor Simplifizierung und Determinismus, indem es Kontingenz, Mehrursächlichkeit und Pfadabhängigkeiten sichtbar macht. 5. Kompetenzen historischen Denkens (Quellenkritik, Perspektivübernahme, Narrativbewusstsein) sind direkt relevant für politisches Urteilen und demokratische Mündigkeit. Politische Analyse ohne historisches Denken kann nicht als wissenschaftlich hinreichend gelten. Sie bleibt dann notwendig oberflächlich, zeitgebunden-unkritisch und blind für die Macht der Vergangenheit in der Gegenwart. Historisches Denken ist daher nicht nur "nützlich", sondern strukturell unverzichtbar für jede politikwissenschaftlich anspruchsvolle Analyse. Als Eva Illouz im Zusammenhang mit dem Gaza/Israel-Krieg erklärte, historisches Denken müsse ein entscheidender Teil jeder politischen Analyse sein, zielte sie nicht auf eine akademische Feinheit, sondern auf ein fundamentales Defizit aktueller politischer Debatten. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen Teile der westlichen Linken, gegen Strömungen der postkolonialen Studies und gegen Denkfiguren der French Theory, die – so Illouz – den Konflikt moralisch vereinfachen und historisch entkernen. Diese Aussage trifft einen wunden Punkt. Denn der Gaza/Israel-Konflikt ist heute weniger ein Gegenstand nüchterner Analyse als eine Projektionsfläche ideologischer Selbstvergewisserung. 8. Was Eva Illouz mit "historischem Denken" meint Illouz fordert kein bloßes "Mehr Geschichte". Gemeint ist ein Denken, das historische Schichtung, Widersprüche und nicht aufhebbare Tragödien ernst nimmt. Historisches Denken akzeptiert, dass politische Konflikte nicht sauber entlang eines einzigen Machtvektor verlaufen. Gerade im israelisch-palästinensischen Konflikt bedeutet das: • Israel ist zugleich Zufluchtsort nach der Shoah und militärische Besatzungsmacht. • Palästinenser sind zugleich Opfer von Vertreibung und Akteure mit eigener politischer Verantwortung. • Gewalt entsteht nicht nur aus "Strukturen", sondern auch aus Entscheidungen, Ideologien und bewussten Strategien. Historisches Denken widersetzt sich dem Wunsch nach moralischer Eindeutigkeit. 9. Die Kritik an postkolonialen Deutungsmustern Illouz’ schärfste Kritik richtet sich gegen die Übertragung kolonialer Master-Narrative auf Israel. In vielen postkolonialen Lesarten wird Israel als klassischer "weißer Siedlerstaat" interpretiert, Palästinenser als indigene, entrechtete Bevölkerung – ein Schema, das aus anderen historischen Kontexten stammt und hier mechanisch angewendet wird. Das Problem dabei: • Jüdinnen und Juden sind historisch keine koloniale Mehrheitsmacht, sondern eine verfolgte Minderheit mit gebrochener Kontinuität. • Der Zionismus entstand nicht primär als imperialistisches Projekt, sondern als Reaktion auf europäischen Antisemitismus. • Ein Großteil der israelischen Bevölkerung stammt aus dem Nahen Osten und Nordafrika – sie passen nicht in das Raster "weiß/kolonial". Illouz’ Punkt ist nicht, israelische Politik zu rechtfertigen, sondern zu zeigen: Wer Geschichte durch Ideologieschablonen presst, hört auf, sie zu verstehen. 10. French Theory und moralische Abkürzungen Auch Denkfiguren aus der French Theory – etwa vereinfachte Macht-/Unterdrückungsmodelle – geraten bei Eva Illouz unter Kritik. Wenn politische Analyse primär danach fragt, wer strukturell dominant ist, wird Gewalt asymmetrisch moralisiert. Das Ergebnis: • Gewalt der Schwächeren erscheint automatisch legitim oder "verständlich". • Gewalt der Stärkeren wird ausschließlich als Ausdruck von Herrschaft gelesen. • Akteure verschwinden hinter Strukturen. Eva Illouz warnt davor, dass so moralische Verantwortung ausgelagert wird. Terror wird dann nicht mehr als bewusste Tat verurteilt, sondern als Symptom erklärt. Historisches Denken dagegen besteht darauf, dass auch Unterdrückte moralische Subjekte bleiben. 11. Die Blindstelle linker Positionen Illouz’ Kritik schmerzt besonders, weil sie aus dem Inneren der Linken kommt. Sie benennt eine Haltung, in der Solidarität zur Identitätspolitik verkommt. Wer als "unterdrückt" gilt, wird moralisch immunisiert. Wer als "mächtig" gilt, verliert jedes Anrecht auf Kontext. Diese Logik produziert paradoxe Effekte: • Antisemitische Narrative werden reproduziert, während man sich antirassistisch nennt. • Jüdische Ängste werden delegitimiert, weil Juden nicht mehr ins Opferbild passen. • Komplexität wird als Verrat an der „richtigen Seite“ wahrgenommen. Eva Illouz fordert hier nichts weniger als eine Rückkehr zur tragischen Dimension politischer Urteilsfähigkeit. 12. Warum historisches Denken heute unbequem ist Historisches Denken verlangt Geduld, Ambivalenz und Selbstkritik – alles Dinge, die im digitalen Empörungsbetrieb wenig attraktiv sind. Es ist einfacher, klare Täter-Opfer-Geschichten zu erzählen als sich einzugestehen, dass manche Konflikte keine sauberen Lösungen haben. Illouz’ Aussage ist deshalb auch eine Kritik an der Gegenwartskultur politischer Debatten: • an moralischer Selbstvergewisserung statt Analyse, • an ideologischer Reinheit statt Verantwortung, • an Parteinahme ohne Verständnis. 13. Ein Plädoyer für intellektuelle Redlichkeit Der Kern von Eva Illouz’ Argument ist simpel und radikal zugleich: Wer Geschichte ausblendet, ersetzt Denken durch Moralismus. Gerade progressive Politik lebt davon, Macht kritisch zu hinterfragen – aber sie verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie historische Realität ignoriert. Der Gaza/Israel-Konflikt ist kein Lehrbeispiel für einfache Theorien, sondern ein Prüfstein für intellektuelle Redlichkeit. Historisches Denken schützt nicht vor Parteinahme. Aber es zwingt dazu, Verantwortung, Gewalt und Leid auf allen Seiten ernst zu nehmen. Und genau das macht politische Analyse nicht schwächer, sondern menschlicher.

Eva Illouz und Judith Butler vertreten beide linke, kritische Positionen zur israelischen Staatsstruktur – doch ihre Vorstellungen von Kohabitation unterscheiden sich grundlegend: Illouz plädiert für einen liberalen, säkularen Staat mit gleichen Rechten für alle Bürger, während Butler stärker postkolonial und identitätspolitisch argumentiert und die jüdische Staatsidee grundsätzlich infrage stellt. Eva Illouz: Liberale Kritik aus jüdischer Perspektive Zielbild: Ein säkularer, liberaler Staat Israel, in dem jüdische und arabische Bürger gleiche Rechte genießen. Ablehnung des Ethno-Nationalismus: Illouz kritisiert, dass Israel jüdische Identität über Staatsbürgerschaft stellt – etwa durch das Nationalstaatsgesetz von 2018. Zionismus nicht per se delegitimiert: Sie erkennt das Existenzrecht Israels an und unterscheidet zwischen Zionismus und seiner heutigen politischen Ausprägung. Kohabitation: Möglich durch Reform des Staates, nicht durch dessen Auflösung. Sie fordert eine Verfassung, die religiöse und ethnische Privilegien abschafft. Kritik an der Linken: Illouz wirft Teilen der globalen Linken vor, muslimische Akteure zu idealisieren und jüdische Kritik zu ignorieren. Judith Butler: Postkoloniale Dekonstruktion des Nationalstaats Zielbild: Butler stellt die Existenz eines jüdischen Nationalstaats grundsätzlich infrage und plädiert für eine binational-demokratische Lösung. Dekonstruktion von Identität: Sie sieht den Zionismus als exklusivistisch und kolonial geprägt. Israel sieht Judith Butler dabei als Produkt europäischer Gewaltgeschichte. Solidarität mit Palästina: Butler betont die Opferrolle der Palästinenser und unterstützt Bewegungen wie BDS (Boycott, Divestment, Sanctions). Kohabitation: Soll ermöglicht werden durch Auflösung nationaler Identitätsgrenzen – ein Staat, der nicht auf ethnischer Zugehörigkeit basiert. Kritik an Israel: Butler bezeichnet Israel als „rassistisch“, weil jüdische Identität strukturell privilegiert sei. Kerndifferenzen zwischen Eva Illouz und Judith Butler Eva Illouz sucht eine liberale Transformation Israels von innen, Butler sucht eine postnationale Neugestaltung von außen. Beide eint die Kritik an ethnischer Ungleichheit – doch sie trennen sich in der Frage, ob Israel als jüdischer Staat reformierbar oder grundsätzlich illegitim ist.

Im 3. Teil der Serie wurde eine Replik auf Eva Illouz' jüngsten Essay "Der 8. Oktober" mit deren Kritik an Judith Butler und der french theory erarbeitet, nun soll Eva Illouz' Perspektive aufgezeigt werden. Ihre Vorstellungen über ein liberales Israel schrieb Eva Illouz in ihrer Essaysammlung "Israel" nieder, so dass dieses 2015 erschienene Buch und Interviews als Grundlage dieses Blogbeitrages dienen. "Ich gestehe, dass ich mich manchmal zwischen kultureller Selbstgefälligkeit und kulturellem Opferstatus nach weniger engen Identitätsmustern gesehnt habe, nach der (privilegierten) kosmopolitischen Erfahrung Marokkos, nach dem egalitären Universalismus Frankreichs oder nach den multiplen Bindestrich-Identitäten der Vereinigten Staaten - vielleicht, weil einzig eine erweiterte Vorstellung von der Menschheit und das Bekenntnis zu klaren und starken universalistischen Werten eine Nation neu zu inspirieren vermag, die ihrer Ethnien überdrüssig ist." [Eva Illouz: Israel. Suhrkamp: 2015, S. 167 f.] "Israel" erschien im Jahr 2015 Das Buch "Israel" stellt eine Sammlung von Beiträgen von Eva Illouz dar, die von 2011 bis 2014 in der israelischen Zeitung "Ha'aretz" publiziert wurden. Die Soziologin stellt dem israelischen Modell den französischen Laizismus und ein auf Universalismus basierendes Wertesystem gegenüber. Sie verweist darauf, dass jüdische Einwanderer aus orientalischen Ländern in Frankreich innerhalb einer Generation gesellschaftlich aufsteigen konnten und angesehene Positionen erreichten. Im Gegensatz dazu sieht sie in Israel weiterhin eine Form von Diskriminierung: Juden europäischer Herkunft (Aschkenasim) würden gegenüber jenen aus Nordafrika oder dem Irak (Mizrachim) privilegiert behandelt. Noch stärker sei laut Illouz die Benachteiligung nichtjüdischer Bürger Israels. Anhand konkreter Beispiele zeigt sie, dass arabische Israelis vom Zugang zu staatlicher Repräsentation, Landbesitz, Bürgerrechten und Bildung weitgehend ausgeschlossen seien. Ihrer Analyse zufolge fördert der jüdische Glaube eine strikte Trennung zwischen Juden und Nichtjuden, wodurch es ihm an Grundlagen für ein liberales Gemeinwesen mangele. Illouz plädiert daher für die Achtung von Menschenrechten, für Offenheit und universelle Werte – Prinzipien, die jüdischen Gemeinschaften historisch Schutz und Stärke verliehen hätten. Doch gerade diese Elemente fehlten ihrer Ansicht nach im heutigen israelischen Staat. Trotz ihrer Kritik bleibt Illouz dem Land emotional verbunden. Sie ruft zu einer zeitgemäßen Neudefinition jüdischer Identität und gesellschaftlicher Strukturen auf. Dazu gehören unter anderem die Abschwächung militärischer Vorherrschaft, die Trennung von Religion und Staat, die Überwindung ethnischer Ausschließung sowie der Verzicht auf politische Instrumentalisierung von kollektiver Trauer und Angst. Ihre Kritik an Israel ist dabei nicht polemisch, sondern analytisch fundiert, differenziert und von persönlicher Anteilnahme getragen. Prämisse: Souveränität Israels Nicht nur haben die Juden ein Recht auf eine nationale Heimstätte, sie haben sogar ein größeres moralisches Recht darauf als die meisten anderen Völker, weil sie auf die längste und eine der leidvollsten Verfolgungsgeschichten der Menschheit zurückblicken. Ein paar Tausend Jahre Exil und unbarmherzige Verfolgungen erlegen der Welt, das heißt der nichtjüdischen Welt, die moralische Verpflichtung auf, dafür zu sorgen, dass das Recht der Juden auf ein Territorium und nationale Souveränität niemals infrage gestellt wird. [Eva Illouz: Israel. Suhrkamp: 2015, S. 8] Nation und Identität Eva Illouz sieht Israel als ein Projekt, in welchem jüdische Identität, Erinnerung und Sicherheit zentral bleiben müssen. Das Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden in Israel steht im Mittelpunkt: Koexistenz, Minderheitenrechte, Integration versus Abgrenzung. Eva Illouz betont die Realität von Gewalt, Trauma und kollektiver Verwundung und wie diese das Zusammenleben strukturieren. Dabei klammert Eva Illouz die affektive Dimension nicht aus, sondern beschreibt, wie Gefühle wie Angst, Solidarität, Misstrauen die sozialen Beziehungen zwischen Juden und NIcht-Juden prägen und sie zeigt damit praktische Vorstellungen vom Zusammenleben. Eva Illouz’ Sammelband "Israel" ist eine scharfsinnige, soziologisch fundierte Analyse der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Israel. Die Texte sind teils autobiografisch, teils analytisch, und sie verbinden persönliche Erfahrungen mit struktureller Kritik. Rückfall in die Vormoderne Sie warnt vor einer zunehmenden Identifikation mit Ethnie und Religion, die den liberalen Charakter Israels untergräbt. Die Demokratie werde durch religiösen Nationalismus und ethnische Exklusivität gefährdet. Auf die Frage in einem taz-Interview zu ihrer Einschätzung der Wirkkraft linker Parteien wie der sozialdemokratischen Meretz und der kommunistischen jüdisch-arabischen Chadasch resümiert Eva Illouz kritisch: "Die Tatsache, dass die Rechte mit einigen kurzen Unterbrechungen 20 Jahre regiert hat, hat Denkstrukturen geformt, die schwer zu verändern sind. Dazu gehören der Nationalismus und das Misstrauen gegenüber Europa und inzwischen auch gegenüber den Vereinigten Staaten. Das macht es sehr schwer, die Israelis dazu zu bringen, Probleme überhaupt anzuerkennen und adäquat einzuordnen. Die sozialen Proteste vor fast vier Jahren waren diesbezüglich sehr interessant.(...)Es gelang ihr nicht [der Linken, mk], sich in eine wirkliche Protestbewegung zu transformieren, weil erstens im politischen Ethos Israels die Idee der Solidarität stark verankert ist. Zweitens gibt es keine Bürgergesellschaft, die den Namen verdient: Die Bürger haben keine Vorstellung davon, signifikant andere Interessen als die Regierung zu haben. Historisch wurde die Linke mit dem Staatsapparat identifiziert, sie entwickelte sich als regierende Partei, weswegen es sehr schwer für sie ist, ein Ethos des Protests zu entwickeln." [Aus taz: Eva Illouz über Israels Linke: "Sie hat keine starke soziale Vision." taz vom 16.07.2015] Zionismus mit kritischem Blick Eva Illouz bekennt sich zum Zionismus, sieht darin aber keinen Freibrief für politische Willkür. Sie argumentiert, dass Juden ein moralisches Recht auf eine Heimstätte haben – jedoch nicht auf Kosten eines anderen Volkes. Dieser Widerspruch zieht sich durch ihre Essays und wird nicht aufgelöst, sondern als ethisches Dilemma benannt. "Israel wurde nicht als universalistischer Staat gegründet, und die Linke hat es versäumt, Universalismus einzufordern. Bevor man Pluralist oder Multikulturalist sein kann, muss man ein universalistisches Gemeinwesen haben. Israel war zwar immer schon multikulturell, der Staat aber wurde mit einer ethnischen Gruppe identifiziert. (...) Viele der Gründer des israelischen Staats sahen die amerikanische Verfassung und das multikulturalistische Modell der Vereinigten Staaten als Vorbild, andere kamen aus Russland und Deutschland, wo die Idee des Universalismus stark mit den Bewegungen des Sozialismus und des Kommunismus verknüpft war. Der genuin französische Universalismus, in dessen Namen ich spreche, nimmt aber als Republikanismus Gestalt an: Der Staat ist der Ort, an dem das Gemeinwohl verwaltet wird. Bürgerrechte werden in abstrakten, neutralen Begriffen definiert. Staatsangehörigkeit ist eine Klammer für unterschiedliche Identitäten. Die französische Idee des Universalismus ist in Israel kaum bekannt." [Aus: Eva Illouz über Israels Linke: "Sie hat keine starke soziale Vision." taz vom 16.07.2015] Eva Illouz' Perspektive eines liberalen Israels Wird eine Religion, deren Vorschriften unter jahrhundertelangem Druck entstanden sind, zur dominanten Staatsreligion erhoben, kann dies problematisch werden. Was einst sinnvoll und nachvollziehbar war, kann sich als ungeeignet für die Anforderungen einer offenen, demokratischen Gesellschaft erweisen. Die Ideen, die Eva Illouz in dem Sammelband beschreibt, zielen auf zwei zentrale Reformansätze. Der erste betrifft die klare Trennung von Religion und Staat. Dabei soll die jüdische Tradition weiterhin respektiert werden – etwa durch die Beibehaltung des jüdischen Kalenders und die besondere Stellung jüdischer Feiertage und Symbole. Gleichzeitig sollen andere Glaubensrichtungen im öffentlichen Raum stärker anerkannt und sichtbar gemacht werden. Insbesondere muslimische Bürger sollten mehr Präsenz und Anerkennung erfahren. Es wäre notwendig, die Zuständigkeit für Eheschließungen und Scheidungen dem Rabbinat zu entziehen und stattdessen eine Zivilehe einzuführen. Der zweite Reformvorschlag betrifft das Militär: Die Einführung einer Berufsarmee könnte die gleichen sicherheitspolitischen Aufgaben erfüllen, ohne dabei den gesellschaftlichen und kulturellen Charakter Israels in vergleichbarem Maße zu beeinflussen. Verwendete Quellen: Eva Illouz: Israel. Soziologische Essays, edition suhrkamp 2683, Suhrkamp, Berlin 2015 Eva Illouz über Israels Linke: "Sie hat keine starke soziale Vision." taz vom 16.07.2015, letzter Zugriff: 19.10.2025

"Der 8. Oktober: Über die Genealogie eines sich überlegen dünkenden Hasses | Über die Ursprünge des neuen Antisemitismus"von Eva Illouz, Suhrkamp 2025 In ihrem Essay beschreibt Eva Illouz, dass Islamismus – insbesondere in seiner antiwestlichen Ausprägung – von Teilen der politischen Linken, darunter antiimperialistische Bewegungen in Europa und arabischen Ländern sowie von der Sowjetunion, nicht primär als religiöse Bewegung, sondern als antikolonialer Klassenkampf interpretiert wurde. Diese Sichtweise führte dazu, dass islamistische Akteure in bestimmten linken Milieus als legitime Widerstandskämpfer gegen westliche Hegemonie betrachtet wurden – trotz ihrer autoritären oder religiös-fundamentalistischen Ideologie. Islamismus als antikolonialer Klassenkampf Die Sowjetunion unterstützte in den 1950er–1980er Jahren zahlreiche antiimperialistische Bewegungen, darunter auch islamisch geprägte Gruppen, sofern sie gegen westliche Einflusssphären kämpften. In Teilen der europäischen Linken – besonders in postkolonialen und poststrukturalistischen Kreisen – wurde der Islamismus nicht als religiöser Fanatismus, sondern als Ausdruck von Widerstand gegen westlichen Kolonialismus und Kapitalismus gedeutet. "Dieser Neuinterpretation des Islams gelingt es, die Tatsache zu verschleiern, dass der Islamismus gleichzeitig eine Reaktion auf den Kolonialismus und eine mörderische Ideologie sein konnte, dass sein Widerstand gegen den Zionismus nationalistische und genozidale Ziele verfolgen konnte, dass der Terrorismus eine Reaktion auf Enteignung ebenso wie eine krankhafte Martyrologie ist. Aber der wohlmeinende und naive Ansatz der Linken fand Gehör. 1991 organisierte der Iran eine internationale Konferenz zur Unterstützung einer islamischen Revolution in Palästina. Diese Konferenz vereinigte die Hamas und die marxistischen Fraktionen der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und bildete den bewussten Versuch einer Verschmelzung von Fundamentalisten und Linken unter der Ägide des Antiimperialismus." [Eva Illouz: Der 8. Oktober, S. 71] Illouz kritisiert, dass diese Lesart die autoritären, antisemitischen und patriarchalen Aspekte islamistischer Bewegungen oft ausblendet oder sie dadurch relativiert werden. Dem hält Eva Illouz entgegen, dass der Zionismus von Beginn an antirassistisch war, "weil er eine Antwort auf und ein Gegenmittel zu Verfolgung und Hass darstellte"; innerhalb des Mandats-Palästina hatten die Jüdinnen und Juden gegen die Briten ab 1939 einen antikolonialen Kampf geführt, aus Europa und arabischen Ländern waren sie durch Pogrome verfolgt dorthin geflohen. Angesiedelt und heimisch waren Jüdinnen und Juden in Palästina seit 3.000 Jahren. Illouz kritisiert diese ideologische Fehlentwicklung: Die Verklärung islamistischer Gewalt als revolutionärer Akt blendet autoritäre, antisemitische und patriarchale Aspekte aus – ein Symptom einer postmodernen Linken, die Diskurs über Fakten stellt. Die Linke ist es, die die menschliche Würde in den Mittelpunkt politischer Institutionen gerückt hat. Die Linke ist es, der wir unseren sozialen und moralischen Fortschritt verdanken. Wie also war es möglich, dass ein Teil der progressiven Linken mit Gleichgültigkeit oder Freude auf ein Massaker reagieren konnte, insbesondere an den Universitäten? Warum sind diese Künstler:innen, Professor:innen und Intellektuellen – die doch eigentlich auf der Seite der Menschlichkeit stehen sollten – in einem solchen Maße indifferent gegenüber einem Massaker an Juden und Jüdinnen geblieben? [Eva Illouz: Der 8. Oktober, S.15 f.] Selektives Mitleid Eva Illouz bezeichnet in diesem Essay auch Judith Butler als eine Intellektuelle der identitären Linken, die Universalismus, Ökonomie und Klasse zugunsten von Relativismus, "Rasse" und Kultur preisgegeben habe, "sowie darin, das Mantra der Intersektionalität herunterzubeten und aus Weiß eine schuldbeladene Farbe zu machen." In Beiträgen nach dem Terroranschlag der Hamas am 07. Oktober 2023 richtete Eva Illouz deutliche Worte an die Adresse von Judith Butler, beispielsweise nach der Diskussionsrunde eines Kollektivs antikolonialer und antizionistischer Vereinigungen am 3. März 2024 in Paris: "Ob es Belege für die Behauptungen gibt oder nicht, die über die Vergewaltigung israelischer Frauen gemacht wurden" – skeptische Grimasse – "okay, wenn es Belege gibt, dann beklagen und verurteilen wir das, absolut keine Frage. Aber wir wollen diese Belege sehen." Die skeptische Miene, die Butler bei diesen Worten machte, ist wohl die gleiche, die ein Polizist vor 50 Jahren machte, als eine Frau versuchte, Anzeige zu erstatten, und er Beweise für die an diesen Frauen begangenen Gräueltaten verlangte, obwohl es bereits eine schwindelerregende Menge an Beweisen gab. Judith Butler hat ihre Karriere darauf aufgebaut, Begriffe wie Objektivität, Essentialität und Wirklichkeit in Frage zu stellen. Aber jetzt verlangt sie eine Mega-Objektivität, einen Mega-Beweis, eine Objektivität jenseits der verfügbaren Rekonstruktionen, Bilder, Videos und forensischen Analysen." [Eva Illouz: Warum Judith Butler keine Linke ist. Der Freitag 11/2024 vom 12.03.2024] Eva Illouz beruft sich auf das anthropologische Mitgefühl und Mitleid mit Rousseau, Darwin und Schopenhauer um zu zeigen, dass Mitleid eine universelle menschliche Regung ist. Illouz sieht die postmoderne (french theory) "Theorie" als Ursache dieses Malus bei Butler, indem poststrukturalistische Denker wie Jaques Derrida, Michel Foucault und auch Judith Butler die Realität in "Diskurse" auflösen, wodurch ein Opferstatus nicht mehr objektiv, sondern relativ und kontextabhängig wird. In diesem Denken wird Mitleid nicht nach dem Leid selbst, sondern nach der Zugehörigkeit zu unterdrückten Gruppen verteilt. Juden, insbesondere in Israel, gelten in diesem Narrativ oft als "privilegiert" oder "kolonial", und werden daher vom Mitgefühl ausgeschlossen. Für Illouz ist Mitleid jedoch eine Form moralischer Anerkennung, die nicht ideologisch gefiltert werden darf. Doch in postmodernen Diskursen wird es nach Gruppenzugehörigkeit vergeben – nicht nach dem tatsächlichen Leid. Illouz kritisiert Judith Butler dabei als zentrale Figur dieser identitären Linken, die Objektivität und Wirklichkeit dekonstruiert – und nun, angesichts der Hamas-Verbrechen, eine überhöhte Beweislast fordert. Diese Haltung erscheint Illouz als symptomatisch für eine Theorie, die moralische Klarheit durch diskursive Skepsis ersetzt. Eva Illouz' methodische Kritik an der french theory Eva Illouz setzt sich mit der French Theory auseinander, indem sie Werke von Poststrukturalisten wie Jacques Derrida oder Michel Foucault kritisch betrachtet. Sie untersucht dabei deren Einfluss auf akademische Milieus und auf gesellschaftliche Phänomene wie den Umgang linker Intellektueller mit Juden im Kontext der Hamas-Angriffe und der Antisemitismusdebatte. Ihre Analyse orientiert sich an der Rolle französischer Theoretiker im US-amerikanischen Universitäts-Diskurs und reflektiert die Rezeption poststrukturalistischer Ideen. "In derselben Weise, wie Engel und Dämonen für Gläubige eine umso stärkere Realität sind, als diese unsichtbar bleibt, glichen die Schlüsselbegriffe der French Theory in ihrer Abstraktion dem unsichtbaren Gott und wurden durch ihre Institutionalisierung in der akademischen Ausbildung real. Die Universität ist eine so mächtige Institution wie die Kirche, wobei ihre Macht in der Verbindung besteht, die sie zwischen der Kernfamilie und dem ökonomischen Markt herstellt." [Eva Illouz: Der 8. Oktober, S. 42 f.] Pantextualismus Auffälligstes Merkmal ist der Pantextualismus, dass unsere Gesellschaft ein riesiges Netz aus Zeichen, Texten und Diskursen darstellt. Folge dessen ist, dass es nur Interpretationen von Wirklichkeit gibt, keine objektive Wirklichkeit. Mit Jaques Derridas Grammatologie und Dekonstruktion gibt es keine stabilen Bedeutungen in Texten, sondern alles werde zu einem Spiel der Bedeutungen in politischen Texten, in der Literatur und in der Alltagssprache. Wirklichkeit werde grammatisch konstruiert. "Aus der Hermeneutik – der Wissenschaft der Textinterpretation – ist eine Inszenierung von Dissens und Widerstand geworden, die an sich schon die emotionalen Aufwallungen der Empörung und der Anprangerung, das Drama der Provokation und die Umkehrung der Hierarchien beinhaltet. Vergleicht man den pouvoirisme mit den traditionellen soziologischen Machtkonzeptionen, treten die Probleme dieser Strategie deutlicher zutage." [Eva Illouz: Der 8. Oktober, S. 34] Eva Illouz beschreibt einige zentrale Begriffe von Michel Foucault, wie Diskursivität, Macht (pouvoirisme), "Disziplin", "Überwachung". Foucaults Vorstellung von Macht (pouvoirisme) als allgegenwärtigem, dezentralem Geflecht, das nicht von Institutionen ausgeht, sondern durch soziale Praktiken und Wissensordnungen wirkt, ist in ihren Augen problematisch, denn darin verbirgt sich eine ideologische Verschiebung: Wenn Macht überall ist und Wahrheit nur eine diskursive Formation, wird es unmöglich, Gewalt klar zu benennen oder moralisch zu verurteilen. Ebenso verhält es sich mit den zentralen foucaultschen Begriffen wie „Disziplin“, „Überwachung“ und „Normalisierung“, die Foucault zur Beschreibung moderner Gesellschaften entwickelt hat. Diese Begriffe erscheinen Eva Illouz als Teil eines theoretischen Rahmens, der zwar Herrschaft analysiert, aber zugleich die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer relativiert. Illouz kritisiert, dass diese Denkweise in akademischen Milieus dazu geführt habe, jüdisches Leid – etwa nach dem Hamas-Massaker – nicht mehr als moralisch eindeutig zu erkennen, sondern als Teil eines diskursiven Spiels um Macht und Identität. Zusammenfassung Eva Illouz kritisierte vier Merkmale des postmodernen Denkstils nach der "french theory": 1. Symbolische Deduktion statt historischer Dialektik: Gesellschaft wird als Text gelesen, nicht als komplexes Geflecht widersprüchlicher Interessen. 2. Machtobsession: Macht wird als allgegenwärtiges Erklärungsmuster verwendet, oft ohne empirische Grundlage. 3. Superkritik: Ein Überbietungswettbewerb im Aufdecken von Unterdrückung, der jede positive Entwicklung (z. B. LGBTQ-Rechte in Israel) als Täuschung („pinkwashing“) abwertet. 4. Moralische Intuitionen: Urteile über Israel und Palästina werden als moralische Dogmen behandelt, die keiner Begründung mehr bedürfen und nicht falsifizierbar sind. Illouz’ Kritik ist also nicht eine Ablehnung der French Theory an sich, sondern eine Warnung vor ihrer ideologischen Instrumentalisierung. Sie plädiert für eine Rückbesinnung auf die "demokratischen Tugenden der Komplexität und der Wahrheit" und warnt davor, dass die politische Linke ihr humanistisches Fundament verliere, wenn sie sich von diesen Tugenden verabschiede. Credo von Eva Illouz Verliert die Linke ihre universalistische Ethik, verliert sie ihre Seele. Ihr Appell: Mitgefühl muss entideologisiert werden – das Menschsein gehört ins Zentrum jeder Ethik. Dieser 2. Teil war explizit dem Buch "Der 8. Oktober" von Eva Illouz gewidmet. Weiter geht es dialogisch im 3. Teil mit Judith Butler.

Die Original-Kachel des Tageschau-Postings bezieht sich auf April 2024, die 15 Minuten vor der Tagesschau-20 Uhr-Ausgabe in meiner Timeline aufgetaucht war. Deshalb kommentierte ich gleich, denn die Ursachen für diese Verschiebung konnte ich mir sehr gut erklären, denn gerade in den Ausbildungen zu den Gesundheitsfachberufen (seit 2004 Gesundheits- und Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege) hatte es in den vergangenen Jahren sehr deutliche Erhöhungen der Ausbildungsvergütungen gegeben. Und neu ist seit 2020 die "zusammengeführte" Ausbildung zum Pflegefachmann/ zur Pflegefachfrau, deshalb hier kurz die statistische Auflösung (vom Tagesschau-FB-Verantwortlichen gab es erst kurz vor 21 Uhr eine nähere Erläuterung zu den Unterschieden in den Ausbildungsgehältern: Und ja, es hing mit den Gesundheitsberufen zusammen). Durchschnittliche monatliche Bruttovergütung (öffentlicher Dienst, TVöD Pflege): 2007 Altenpfleger/in ca. 700–800 € Gesundheits- & Krankenpfleger/in ca. 750–850 € Kinderkrankenpfleger/in ca. 750–850 € 2010 AP: ca. 850–950 € GuK: ca. 900–1.000 € GuKK: ca. 900–1.000 € 2015 AP: ca. 950–1.050 € GuK: ca. 1.000–1.100 € GuKK: ca. 1.000–1.100 € 2019 AP: ca. 1.000–1.200 € GuK: ca. 1.100–1.250 € GuKK: ca. 1.100–1.250 € Die Vergütung stieg meist mit jedem Ausbildungsjahr um etwa 50–100 €. Nicht zu vergessen: Hier handelt es sich um TVÖD-Tabellen, aber es gibt natürlich sehr viele Einrichtungen der Caritas und der Diakonie, die eigene Verträge aushandeln (nach AVR, den Arbeitsvertragsrichtlinien als kirchlichen Regelwerken der Einrichtungen. Der Pflegesektor gilt als einer der am frühsten vermarktlichten Segmente der sozialen Wohlfahrtsproduktion in Deutschland (Oschmiansky: 2013); es gibt sehr viele private Einrichtungen und Krankenhäuser, die eigene Interessenvertreter haben (wie den Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) in der ambulanten und stationären Langzeitpflege und den Bundesverband Deutscher Privatkliniken (BDPK) für Kliniken und Reha-Einrichtungen). 2020 gab es dann die Umstellung auf die generalisierte Ausbildung aller drei Gesundheitsberufe zur Pflegefachfrau/ zum Pflegefachmann und nun sieht die Ausbildungsvergütung folgendermaßen aus: 1. Jahr ca. 1.341 € 2. Jahr ca. 1.402 € 3. Jahr ca. 1.503 € Schaut man sich die Zusammensetzung der Auszubildenden in den Gesundheitsberufen an, so sind weiterhin Frauen in der Mehrheit. Der Frauenanteil liegt konstant bei 80 bis 85 Prozent, Männeranteil bei 15–20 Prozent. Davon haben rund 25 bis 30 Prozent einen Migrationshintergrund. Sieht man sich die herrschenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an, so ist natürlich augenfällig, dass im späteren Berufsleben Frauen in Teilzeitarbeit gehen, oder beispielsweise in Springerpools arbeiten, die Kliniken einrichten, um Eltern flexiblere Zeiten für die Familiensorgearbeit (Kita, Kinderbetreuung, Pflege) zu gewährleisten oder dann irgendwann aus dem Beruf ausscheiden - auch hierfür gibt es ja Statistiken, wie lang Pflegefachkräfte im Beruf bleiben.

Der Athener Verlag wirft Eva Illouz eine "Dehistorisierung des Kolonialismus" vor und solidarisierte sich explizit "mit dem palästinensischen Volk". Mit der Kündigung des Vertrags ist die Freigabe der Rechte für "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" verbunden. Oposito ist ein Verlag für feministische, queere und psychoanalytische Literatur. Anlass war ein Beitrag von Eva Illouz im britischen Onlinemagazin Fathom "Time to Unmask the Imposture of Anti-Zionism" (Zeit, den Antizionismus als Täuschung zu entlarven), in welchem sie die fehlende Empathie in Teilen der 'globalen Linken' für Israel nach dem 07. Oktober 2023 ansprach. In diesem Essay liefert Eva Illouz eine tiefgehende und provokante Analyse der Beziehung zwischen Anti-Zionismus und Antisemitismus. Zentrale Thesen von Eva Illouz im Essay Anti-Zionismus als neue Form des Antisemitismus: Illouz argumentiert, dass Anti-Zionismus oft nicht nur eine politische Kritik ist, sondern eine Reinkarnation antisemitischer Denkweisen. Sie sieht darin eine Fortsetzung historischer rassistischer Hierarchien, die sich in neuen ideologischen Gewändern zeigen. Linke Doppelmoral: Sie kritisiert, dass die politische Linke zwar Minderheiten das Recht zugesteht, selbst zu definieren, was Diskriminierung ist – etwa bei Sexismus oder Rassismus –, aber Juden dieses Recht beim Thema Antisemitismus verweigert. Kulturelles Unbewusstes: Illouz betont, dass rassistische und antisemitische Stereotype tief in der Kultur verankert sind und auch von Mitgliedern diskriminierter Gruppen selbst übernommen werden können. Sie lehnt daher das Argument ab, dass jemand aufgrund seiner Identität automatisch von solchen Vorurteilen frei sei. Zionismus als säkulare Befreiungsbewegung: Sie erinnert daran, dass der Zionismus ursprünglich eine säkulare Bewegung war, die darauf abzielte, Würde und Unabhängigkeit für Juden zu schaffen. Die Dämonisierung dieser Bewegung hält sie für ideologisch verzerrt. Der Essay erschien im Kontext der weltweiten Debatten über Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2024. Illouz reagiert auf die zunehmende Polarisierung und fordert eine intellektuelle Ehrlichkeit im Umgang mit dem Begriff Anti-Zionismus. Hierbei muss man natürlich Eva Illouz' wissenschaftliche Perspektiven kennen. Schlüsselkonzepte Kulturelles Unbewusstes: Illouz greift auf ein Konzept zurück, das an Freud und Adorno erinnert: Gesellschaften tragen unbewusste kulturelle Muster, die sich in scheinbar rationalen Diskursen manifestieren. Anti-Zionismus sei oft ein solcher Diskurs, der unbewusst antisemitische Stereotype reproduziere. Moralische Ökonomie der Linken: Sie kritisiert die selektive Empathie der politischen Linken, die jüdische Selbstdefinitionen von Diskriminierung nicht ernst nimmt. Während andere Gruppen ihre Diskriminierung selbst benennen dürfen, werde Juden diese Autorität abgesprochen. Dekoloniale Rhetorik als Tarnung: Illouz analysiert, wie anti-zionistische Positionen sich oft der Sprache der Dekolonialisierung bedienen, dabei aber historische und kulturelle Komplexität des jüdischen Volkes ignorieren. Sie sieht darin eine ideologische Vereinfachung, die zur Dämonisierung Israels führt. Politischer Impetus von Eva Illouz Zionismus als Befreiungsbewegung: Illouz stellt klar, dass Zionismus historisch eine Antwort auf Verfolgung und Entrechtung war – nicht nur religiös, sondern auch säkular und sozialistisch geprägt. Die heutige Gleichsetzung von Zionismus mit Kolonialismus hält sie für historisch falsch und moralisch problematisch. Antisemitismus in progressiven Milieus: Sie warnt davor, dass Antisemitismus heute nicht nur von der extremen Rechten kommt, sondern auch in linken, akademischen und aktivistischen Kreisen Fuß gefasst hat – oft unter dem Deckmantel von Anti-Zionismus. Appell an intellektuelle Redlichkeit: Illouz ruft dazu auf, die Komplexität jüdischer Geschichte und Identität anzuerkennen und sich gegen ideologische Verkürzungen zu wehren. Sie fordert eine neue Ethik der Kritik, die nicht auf Dämonisierung basiert. Das alles adressiert Eva Illouz nicht anonym, sondern sie kritisiert dabei explizit beispielsweise Judith Butler, den Schriftsteller Pankaj Mishra und Autorin Masha Gessen, die sich vehement für die Emanzipation von Minderheitsrechten stark machten, aber seit dem 7. Oktober 2023 im Bezug auf die israelischen Opfer des Massakers sehr, sehr still waren. "In einer Welt, die vor Verfolgungen, Kriegen, Völkermorden, Massakern, Bürgerkriegen wimmelt, kann die Obsession, mit der ausgerechnet Israels Verbrechen an den Pranger gestellt werden, kaum anders, als den Verdacht zu wecken, dass hier mehr zur Disposition steht als nur Israels eigene Sünden." (Aus: zeit-online.de, Peter Neumann: "Mehr als eine griechische Tragödie" https://www.zeit.de/kultur/2025-08/eva-illouz-israel-verlag-athen-publizierung, letzter Zugriff 11.08.2025 14 Uhr) Zwischen den Stühlen Noch im Frühjahr 2025 wurde die für den wichtigsten Kulturpreis Israels nominierte renommierte und weltbekannte Soziologin vom israelischen Bildungsminister Yoav Kisch wegen ihrer angeblichen "Israel-Feindlichkeit" gecancelt, weil sie 2021 an einer Petition an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag beteiligt war. Darin wurde eine Untersuchung darüber gefordert, ob Israel im Gazastreifen, in der Westbank und Ostjerusalem Kriegsverbrechen begangen hatte. Über 180 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Israel, darunter zehn Preisträgerinnen und Preisträger, hatten diese Petition initiiert. Mittlerweile hat sich mit Topovoros Books ein weiterer griechischer Verlag gefunden, der zwar gegenwärtig keine freien Kapazitäten hat, sich aber mit Eva Illouz solidarisierte und die "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" verlegen will. Fazit Seit vielen Jahren lese ich die Werke von Eva Illouz und deshalb bin ich sehr erstaunt über die Schärfe, die ihr mittlerweile auch aus europäischen Verlagskreisen, wie diesem Oposito-Verlag entgegen schlägt. Auffallend war für mich in ihrer Essay-Sammlung "Israel", ich sah sie ja exklusiv bei einer tazlab-Veranstaltung zum neu erschienenen Buch in Berlin, dass sie zwei Ebenen zusammenbringen möchte. In dieser Sammlung spricht sie sich explizit nicht gegen einen jüdischen Staat Israel aus und damit auch nicht gegen Zionismus. Allerdings nicht - und das ist der wichtige Unterschied - als ethnisch-exklusive, religiös begründete oder nationalistische Lesart, sondern als linke und liberale Vision mit den universellen Werten, der Gleichheit und der Menschenrechte. Und Eva Illouz hat eine kosmopolitische Perspektive und knüpft stark an das Konzept der Aufklärung des Citoyen an: Bürgerrechte, Gleichheit vor dem Gesetz in säkularer Rahmenordnung. Aufklärerischer Liberalismus Der Mensch als Gleicher unter Gleichen zuerst als Bürger, nicht primär als Angehöriger einer Ethnie oder Religion. Darin liegt das weltbürgerliche Moment: Israel soll sich nicht über Abgrenzung, sondern über universelle Werte legitimieren. Spricht sie in Interviews, so bezeichnet sie sich selbst als linke Zionistin (durchaus als politische Selbstbeschreibung). Die Essaysammlung bietet so den Eindruck, dass Eva Illouz auf eine kosmopolitische Bürgergemeinschaft zielt. Sie steht innerhalb des Zionismus, möchte diesen neu deuten - nicht im Sinne der rechtsradikalen aggressiven Siedler-Politik (aktuell mit N. an der Spitze) und dem ethnisch-religiösen Nationalismus, sondern hin zu einem säkularen, liberalen und weltbürgerlichen Projekt mit gleichberechtigten Bürgerinnen und Bürgern in Israel, denen gleiche Rechte und Pflichten garantiert werden.

Yascha Mounk wurde 1982 in München geboren und ist der Sohn einer polnischen Jüdin, die im Jahr 1969 aufgrund einer Säuberungswelle in der Kommunistischen Partei Polens mit ihren Eltern Polen verlassen musste. Mounk hat sich aus eigenen Erfahrungen mit Migration schon sehr früh mit dem Liberalismus und dem Ideal einer multiethnischen Gesellschaft befasst sowie deren Herausforderungen und Gefährdungen. Mounk studierte seit dem Jahr 2005 in den USA Regierungswissenschaft und erwarb den Ph.D.-Titel an der Harvard-Universität. Er lebt in New York und nahm im Jahr 2017 die amerikanische Staatsbürgerschaft an, um der Präsidentschaft von Donald Trump so besser entgegen treten zu können. Unabhängigkeit der Justiz Bereits vor fünf Jahren analysierte Mounk die Bedrohungen für liberale Demokratien durch Populismus, den Verlust des Vertrauens in Institutionen und die wachsende Polarisierung der Gesellschaft durch extreme Parteien. Mounk plädiert für die Unabhängigkeit der Justiz, so zum Beispiel unabhängige Ernennungsverfahren, bei denen die Auswahl und Ernennung von Richtern transparent und ohne direkten Einfluss der Exekutive oder Legislative erfolgen soll, z. B. durch unabhängige Kommissionen. Wichtig ist die finanzielle Autonomie der Justiz. Die Justiz sollte ein unabhängiges Budget haben, um ihre Funktionsfähigkeit zu garantieren und politischen Druck zu vermeiden. Karriereschutz für Richterinnen und Richter: Mechanismen zur Sicherstellung, dass Richter nicht durch politische Entscheidungen in ihrer Karriere behindert oder benachteiligt werden. Die Freiheit der Presse Yascha Mounk setzte sich mit dem Schutz und der Freiheit einer unabhängigen Presse auseinander. Gesetzlicher Schutz der Pressefreiheit: Gesetze sollten die freie Berichterstattung garantieren und den Einfluss staatlicher oder wirtschaftlicher Akteure begrenzen. Eine transparente Medienfinanzierung: Die Unabhängigkeit kann durch Förderprogramme unterstützt werden, die staatliche Gelder bereitstellen, aber klare Schutzmechanismen gegen politische Einflussnahme enthalten. Quellenschutz für Journalistinnen und Journalisten: Der rechtliche Schutz von Informanten ist essenziell, um investigativen Journalismus zu ermöglichen. Und schließlich ist die Förderung von Medienvielfalt wichtig: Die Unterstützung unabhängiger und lokaler Medien sowie der Abbau von Monopolen stärken den pluralistischen Informationsfluss. Auch mittlerweile sechs Jahre später hat Mounks Buch nichts von seiner Aktualität eingebüßt, nicht zuletzt wegen der gewonnenen zweiten Präsidentenwahl durch Donald Trump im Herbst 2024. Angesichts dessen fast täglich herausgegebenen Dekreten und dem gefährlichen Rückbau des Rechtsstaats durch Elon Musks DOGE (deutsch: Abteilung für Regierungseffizienz, offiziell U.S. DOGE Service Temporary Organization), welche die "Regierungseffizienz und -produktivität erhöhen soll" und staatliche IT-Systeme modernisieren soll. Yascha Mounks Empfehlungen zur Stärkung der Gewaltenteilung zeigen, dass diese wirksame Mittel des Rechtsstaates gegen autokratisches Macht-Gebaren wie von Trump praktiziert, beinhalten: Die Legislative und die Judikative müssen ihre Kontrollfunktion gegenüber der Exekutive konsequent wahrnehmen. Gerichte können beispielsweise Dekrete blockieren, die gegen die Verfassung verstoßen, wie es bereits in einigen Fällen geschehen ist. Unabhängige Medien und Zivilgesellschaft: Eine freie Presse und aktive Bürgerbewegungen spielen eine Schlüsselrolle, um Missstände aufzudecken und öffentlichen Druck aufzubauen. Sie können dazu beitragen, Transparenz und Rechenschaftspflicht zu fördern. Rechtsstaatliche Checks and Balances: Institutionen wie der Kongress und unabhängige Behörden müssen ihre Befugnisse nutzen, um exekutive Übergriffe zu verhindern. Dies könnte durch verstärkte Aufsicht und Untersuchungsausschüsse geschehen. Demokratische Prozesse wie Wahlen und Proteste sind essenziell, um autokratische Tendenzen zu bekämpfen. Eine informierte und engagierte Wählerschaft kann Veränderungen herbeiführen. Bildung und Aufklärung, letztlich eine informierte Bevölkerung ist weniger anfällig für Propaganda. Bildungsprogramme und unabhängige Medien können helfen, kritisches Denken zu fördern.Der Druck durch internationale Aufmerksamkeit kann dazu beitragen, dass demokratische Standards eingehalten werden. Die Identitätsfalle Im Jahr 2024 erschien Yascha Mounks Buch "Im Zeitalter der Identität: Der Aufstieg einer gefährlichen Idee", mit welchem der Politologe sich keineswegs zum Trumpianer entwickelt hat, sondern seine grundlegende Frage formuliert, warum die Linke ihren Universalismus aufgegeben habe? Denn mit der Betonung von Gruppen-Identitäten, so argumentiert Mounk, wird nicht nur vormals marginalisierten Gruppen gesellschaftliches Gehör verschafft, sondern identitäres Denken verführe dazu, Spaltungen in der Gesellschaft zu vertiefen. Die Gefahr des Gruppendenkens, eine übermäßige Fixierung auf Gruppenidentität könne zu einer Art „wir gegen die anderen“-Mentalität führen, die die Einheit und Zusammenarbeit innerhalb der Gesellschaft gefährdet. Yascha Mounk plädiert hingegen für eine Rückkehr zu universellen Werten wie Gleichheit und Menschlichkeit, die alle Menschen miteinander verbinden, unabhängig von ethnischer, kultureller oder sozialer Herkunft. Kritik übt Yascha Mounk an Extrem-Positionen, konservativen und progressiven Polen, die sich seiner Meinung nach oft zu stark auf Identitätsmerkmale fixieren und dadurch den gesellschaftlichen Diskurs verengen. Er schlägt Ansätze vor, wie Gesellschaften eine Balance zwischen individueller Identität und gemeinsamen Werten finden können, ohne die Vorteile der Vielfalt zu verlieren. Mounk macht das an einer Vielzahl von Episoden und Beispielen aus sozialen Medien plastisch. Beispielsweise mit der Rassentrennung unter einem neuen Deckmantel: Er verweist auf Universitäten in den USA, die sogenannte „Safe Spaces“ schaffen, die nach ethnischen oder kulturellen Kriterien getrennt sind. Obwohl dies gut gemeint sein mag, sieht Mounk darin eine problematische Wiederbelebung der Trennung von Gruppen. Oder auch progressive versus konservative Ansätze. Mounk illustriert, wie sowohl progressive als auch konservative Lager gelegentlich extremistische Positionen einnehmen. Ein Beispiel ist die Verhärtung in Debatten über kulturelle Aneignung oder die Ablehnung von Diversitätsinitiativen. Beide Seiten könnten, so Mounk, von einem Dialog profitieren, der auf universellen Werten basiert. Stärkung demokratischer Werte Yascha Mounk zeigt positive Beispiele von Politikern und Bewegungen, die versuchen, über Gruppengrenzen hinweg universelle Werte wie Gleichheit und Würde zu fördern, etwa Kampagnen für Bürgerrechte oder interkulturelle Dialoginitiativen. Yascha Mounk schlägt vor, den Nationalismus durch einen inklusiven Patriotismus zu zähmen. Er argumentiert, dass es wichtig ist, eine gemeinsame Identität zu fördern, die alle Bürger unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft einschließt. Durch die Förderung von kritischem Denken kann Bildung Menschen dazu befähigen, nationalistische Ideologien kritisch zu hinterfragen und sich gegen Propaganda oder extremistische Ansichten zu wehren. Historische Aufklärung kann helfen, die Geschichte des Nationalismus und seine Auswirkungen – sowohl positive als auch negative – zu verstehen. Dies kann dazu beitragen, aus der Vergangenheit zu lernen und extreme Formen des Nationalismus zu vermeiden. Durch die Einbindung von Themen wie kulturelle Vielfalt, Geschichte und globale Perspektiven können Bildungssysteme ein Bewusstsein für die Bedeutung von Inklusion und gegenseitigem Respekt schaffen. Und schließlich kann eine gemeinsame Identität gefördert werden: Bildung kann dazu beitragen, eine inklusive nationale Identität zu schaffen, die auf gemeinsamen Werten und Zielen basiert, anstatt auf ethnischen oder kulturellen Unterschieden. Indem Bildung demokratische Prinzipien wie Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit betont, kann sie dazu beitragen, Nationalismus in eine konstruktive Richtung zu lenken. Macht und Diskurs nach Michel Foucault Doch zurück zur Identitätssynthese und deren Geschichte. Yascha Mounk diskutiert Michel Foucaults Einfluss auf die moderne Identitätspolitik und betont dessen zentrale Ideen über Macht und Diskurs. Foucaults Konzept, dass Macht nicht nur repressiv, sondern auch produktiv ist, hat die Art und Weise geprägt, wie soziale Strukturen und Identitäten heute verstanden werden. Mounk hebt hervor, dass Foucaults Skepsis gegenüber universellen Wahrheiten und großen Narrativen eine Grundlage für viele der heutigen Debatten über Identität und Macht bietet. Foucault kritisierte die Idee stabiler und essenzieller Identitäten, da er Identität als ein Produkt von Macht- und Diskursstrukturen betrachtete. Für ihn war Identität nicht etwas Festes, sondern etwas, das durch gesellschaftliche Praktiken und Diskurse ständig neu geformt wird. Er argumentierte, dass der Fokus auf Identität oft dazu führen kann, dass Machtverhältnisse und die Mechanismen, die Identitäten formen, übersehen werden. Stattdessen plädierte er für eine kritische Reflexion, die die Prozesse der Subjektivierung und die Rolle von Macht in der Konstruktion von Identitäten hinterfragt. Ausführlich diskutiert Yascha Mounk Widersprüche innerhalb der Ansätze der Identitätssynthese, wie beispielsweise des strukturellen Rassismus, der dauerhaft und unüberwindbar sei und die Standpunkttheorie, die vorgibt, Mitglieder einer Identitätsgruppe könnten die Mitglieder einer anderen Gruppe nicht verstehen oder auch die Intersektionalität, 1989 durch Kimberlé Crenshaw als Ansatz entwickelt, die mehrere überschneidende Kategorien postulierte, aber schließlich doch in der verstärkenden Bedeutung der Opferrolle verharrte. Crenshaw argumentierte, dass diese Diskriminierungen nicht isoliert betrachtet werden können, sondern sich gegenseitig verstärken und komplexe Ungleichheiten schaffen. Karl Marx und die Differenz (zur Identitätssynthese) Yascha Mounk hebt hervor, dass Marxismus und die heutige Identitätspolitik unterschiedliche Ansätze verfolgen. Während Marx sich auf universelle Prinzipien und die Überwindung von Klassenunterschieden konzentrierte, betont die Identitätspolitik oft spezifische Gruppenidentitäten und deren Rechte. Mounk argumentiert, dass diese Fokussierung auf Identitäten manchmal die universellen Werte von Gleichheit und Freiheit untergräbt. Die Identitätssynthese unterscheidet sich grundlegend vom Marxismus, da sie sich auf Gruppenidentitäten wie Geschlecht, Ethnie oder sexuelle Orientierung konzentriert, während der Marxismus den zentralen Konflikt zwischen den Klassen – Arbeiterklasse und Kapitalbesitzer – in den Vordergrund stellt. Die Marxistische Theorie sieht die ökonomischen Verhältnisse als Hauptursache für soziale Ungleichheit und Unterdrückung, während die Identitätssynthese oft kulturelle und soziale Faktoren betont. Ein weiterer Unterschied liegt in der Herangehensweise: Der Marxismus strebt eine universelle Lösung für die Befreiung aller unterdrückten Klassen an, während die Identitätssynthese spezifische Anliegen hervorhebt. Diese unterschiedlichen Perspektiven führen zu einer Trennung zwischen den beiden Ansätzen. Marxistische Kritiker der Identitätssynthese argumentieren oft, dass der Fokus auf Gruppenidentitäten wie Ethnie, Geschlecht oder sexuelle Orientierung von den zentralen ökonomischen Konflikten und Klassenkämpfen ablenkt, die im Marxismus im Vordergrund stehen. Sie sehen die Identitätssynthese als eine Form von kulturellem oder ideologischem Kampf, der die Aufmerksamkeit von der materiellen Basis der Gesellschaft und den Produktionsverhältnissen weglenkt. Zu nennen sind beispielsweise Slavoj Žižek und Vivek Chibber. Žižek kritisiert, dass Identitätspolitik oft zu einer Fragmentierung der Arbeiterklasse führt, während Chibber in seinem Buch "Postcolonial Theory and the Specter of Capital" argumentiert, dass postkoloniale und identitätspolitische Ansätze die universellen Prinzipien des Marxismus untergraben. Zum Schluss: Mounks Definition des Liberalismus Liberalismus beruht auf der Ablehnung einer natürlichen Hierarchie. Liberale glauben nicht, dass Menschen Dank ihrer vornehmen Geburt oder ihrer angeblichen spirituellen Erleuchtung das Recht haben, über andere zu herrschen, sondern sind der Überzeugung, dass wir alle gleich geboren sind. Deshalb bestehen wir auf Institutionen, die es uns erlauben, die Regeln, denen wir gehorchen müssen, selbst zu bestimmen. Diese Regeln müssen jedem von uns die Freiheit zugestehen, nach eigenen Überzeugungen zu leben und Mitgliedern aller Identitätsgruppen versichern, dass die Behandlung, die sie vom Staat erfahren nicht von ihrer Geschlechtsidentität, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Hautfarbe abhängig ist. Yascha Mounk Mounk, Yascha. Der Zerfall der Demokratie: Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht. Droemer eBook. Kindle-Version. April 2019 Mounk, Yascha: Im Zeitalter der Identität: Der Aufstieg einer gefährlichen Idee. © 2024 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung


